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  Gunhild Simon: Studienrätin a.D.
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Haben oder sein - alles eine Frage von Richtung und Ziel

Von Gunhild Simon

Wann wird ein Verb in den zusammengesetzten Zeiten - also etwa dem Perfekt - mit sein konjugiert? Dies ist nämlich die Ausnahme. Natürlich ist es gar nicht so ungewöhnlich, schaut man auf unsere französichen oder italienischen Nachbarn, denn auch sie, die romanischen Sprachen, kennen das Phänomen. Und da sind sogar die Anwendungsregeln sehr ähnlich: Also, Verben der Bewegung, genauer, der Fortbewegung, werden mit sein konjugiert.

Ganz plakativ: gehen, laufen, fahren, kommen, fliegen ... Außerdem kurioserweise das Gegenteil: bleiben. Im Deutschen auch sein. Das ist ja geläufig. Ich bin gegangen, gelaufen, gekommen, gefahren, geblieben, gewesen ...

Warum nur verwendet man ausgerechnet beim ausdrücklichen Bewegen gerade haben? Es handelt sich hier um ein reflexives Verb: sich bewegen. Reflexiva werden (im Gegensatz zu den französischen etwa) mit haben konjugiert: ich habe mich bewegt, begeben ...

Knifflig wird es erst, wenn sich die Aussage des Verbs verändert. Wann bin ich geschwommen, getanzt, gefahren, gehüpft ...? Und wann klingt es einleuchtender, wenn ich haben verwende, also geschwommen, getanzt, gefahren, gehüpft habe ? Hier ist der Zusammenhang entscheidend. Soll ausgesagt werden, dass etwas ausgeführt, erledigt wurde, also der finale Aspekt im Vordergrund steht (beispielsweise eine Sportdisziplin), dann verwendet man eher haben. Ebenso wenn diese Tätigkeit ein Objekt hat.

Kommt dagegen zum Ausdruck, dass die Bewegung ein Ziel hat, dann verwendet man automatisch sein:
Ich habe die ganze Nacht getanzt.
Ich
bin quer durch das Zimmer getanzt.
Ich habe schon geschwommen und gejoggt.
Ich
bin durch den See geschwommen und um den See gejoggt.
Ich habe das neue Auto gefahren.
Ich
bin mit dem Auto gefahren.
Ich habe das Flugzeug selbst geflogen.
Ich
bin nach Italien geflogen.
Ich habe vor Freude gehüpft.
Ich bin über den Rasen gehüpft
.

Die Frage von Sein und Haben ließ sich leicht aller Geheimnisse entkleiden. Denn, wie sich gezeigt hat, entbehrt sie in der Welt der Grammatik jeder Konnotation von Renommee.

 

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