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Literatur - Sachbuch
Jürgen Leinemann - "Höhenrausch - Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker"

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Buchkritik von Hartmut Dresia

Leinemann bescheinigt der Politikerkaste eine zunehmende Tendenz zum Realitätsverlust, wobei die Wirklichkeit immer weiter vom aufgeblähten Selbstbild der politischen Akteure verdrängt werde.

Fast 40 Jahre lang hat der bekannte "Spiegel"-Redakteur Jürgen Leinemann die politische Klasse Deutschlands beobachtet, sie mit seinen Analysen und Reportagen begleitet. In "Höhenrausch - Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker" (Blessing) stellt der Journalist jetzt der Politikerkaste - der "politischen Klasse", wie er sie nennt - ein wenig schmeichelhaftes Fazit aus.

Er bescheinigt ihnen eine zunehmende Tendenz zum Realitätsverlust, wobei die Wirklichkeit immer weiter vom aufgeblähten Selbstbild der politischen Akteure verdrängt werde. Für viele von ihnen sei der politische Betrieb längst zum Ersatz für das richtige Leben geworden, weise ihr Verhalten alle Charakteristika eines Suchtverhaltens auf, Sucht nach Anerkennung, nach Sinn und nicht zuletzt nach Macht.

Titel

Höhenrausch

Autor

Jürgen Leinemann

Gattung

Sachbuch Politik

Verlag

Blessing

Erscheinungsdatum

September 2005

Umfang

496 Seiten

Preis

20,- Euro

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Zum Buch:

Mehr als 20 Jahre lang hat Jürgen Leinemann, Jahrgang 1937, nach eigener Bekenntnis gebraucht, bis er ein Buch über Politik als Sucht schreiben konnte, über ein Thema, dass ihn auch persönlich betrifft. Denn bevor sich Leinemann mit dem Suchtverhalten der Politiker beschäftigt, nimmt er auf den ersten Seiten seines Buches eine schonungslose Analyse seines eigenen Suchtverhaltens vor. Bei ihm war es nicht die Politik, sondern der Alkohol, in seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Washington eingesetzt als Allheilmittel gegen Unsicherheit und Versagensängste. Inzwischen ist Jürgen Leinemann seit 28 Jahren "trocken" und sieht seine eigenen Erfahrungen als wichtige Voraussetzungen, ohne die er "Höhenrausch" nicht hätte schreiben können. "Nur darum traue ich mich, Suchtkategorien zur Beschreibung von Politikern zu verwenden. Wir reden nicht von charakter- und disziplinlosen Menschen, wir reden von einer inneren Leere", erklärte der Autor im Gespräch mit der "Zeit". "Ich kenne die Unfreiheit, die man aber nicht wahrhaben will. Man kann sich nicht mehr selbst beurteilen, man hält die absurdesten Sachen für normal." Anhand der persönlichen Beobachtung der verschiedenen Politiker-Generationen - von der "Weimarer" über die "Soldaten" und die "Kriegskinder" bis hin zu den "Trümmerkindern" - gelangt Jürgen Leinemann zu einer weiteren zentralen Erkenntnis seines Buches: Je weniger Politiker vom Leben und durch die Geschichte, durch das eigene Erleben und oft auch Erleiden von Geschichte, geprägt werden, desto farbloser und austauschbarer erscheinen sie, desto anfälliger werden sie für die Suchtfaktoren des politischen Betriebs. "Die Älteren haben sich durch Emigration, Inhaftierung, schuldhafte Verstrickungen und politisches Wirken in Kriegszeiten und im Untergrund einen unvergleichlichen Erfahrungs- und Wissensschatz aneignen können und müssen", schreibt Leinemann in seinem Buch. "Im Vergleich zu den Jüngeren brachten sie ungleich mehr Lebenswirklichkeit mit in ihren Politikerberuf." Doch trotz dieser Erkenntnis verzichtet der Autor auf einen grundsätzlich pessimistische Ausblick. Letztlich liege es in der Verantwortung jedes einzelnen Politikers, sich aus eigener Kraft gegen den Sog des politischen Betriebs zur Deformation zu stemmen und die eigene "humane Substanz" zu verteidigen. Beispiele hierfür seien Persönlichkeiten wie Erhard Eppler, Richard von Weizsäcker, Rudolf Seiters oder Andrea Fischer.

Kritik:

Jürgen Leinemann ist ein gnadenlos guter Schreiber, seine Sprache ist präzise, bildhaft und eindeutig. Es ist ihm ein wichtiges und exzellentes Buch gelungen. Zudem hat Leinemann keine Scheu sich ganz und persönlich in seinen Text einzubringen, Standpunkte zu beziehen, nachdem er seine Sicht der Dinge beschrieben hat. Schon in der Einleitung zitiert er Hans Magnus Enzensberger ("Der Eintritt in die Politik ist der Abschied vom Leben, der Kuss des Todes") und Václav Havel ("Unter einem Schleier existenzieller Selbstbestätigung wird die Existenz ihrer selbst enteignet, von sich selbst entfremdet, gelähmt"), um dann endlich seine Position zu beziehen, indem er mit Erhard Eppler, Richard von Weizsäcker, Rudolf Seiters und Andrea Fischer "Ausnahmen" benennt.

Und doch: Könnte man die letztgenannten nicht auch als die Metaangepassten begreifen? Erwerben sich nicht die den nachhaltigsten Respekt, denen Risiken zu tragen notwendige Folge von Verantwortung war, die Teile ihrer Persönlichkeit a priori nicht auf den Tisch von Macht und Ansehen warfen oder werfen?
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