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  Gunhild Simon: Studienrätin a.D.
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Komposita - zusammengesetzte Wörter - aus Verben und Substantiven, die neue Adjektive ergeben

Von Gunhild Simon

Die deutsche Sprache ist auffällig produktiv in der Bildung neuer Wörter durch Zusammensetzungen: Sie nennt man Komposita[1]. Sie lassen sich nahezu beliebig neu schaffen. Ihr Bedarf wächst ständig – schon aus dem Bedürfnis nach neuen Fachbegriffen. Wir betrachten zunächst Komposita aus Substantiven[2] und Adjektiven[4], die sich aus Partizipen[17] ableiten.

Wir wenden uns an dieser Stelle jenen Adjektiven zu, die sich aus einem Substantiv- und einem Verbteil zusammensetzen. Denn gerade sie sind verwirrungstiftend – oder sind sie Verwirrung stiftend? Dies war der nämlich der Ansatz der Rechtschreibreform, durch eine Lockerung der Zusammenschreibungsvorschrift eine Alternative zu schaffen. Denn Adjektive, deren erster Teil ein nunmehr klein zu schreibendes Substantiv enthält, legten offenbar die Befürchtung nahe, unübersichtlich, ja, orthografisch unvertretbar zu sein.

Eine Neuregelung dieser Vorschrift schien zwar zunächst geeignet, dieses Dilemma einzudämmen, denn in getrennter Schreibung erschienen die Wörter übersichtlicher. Gleichzeitig veränderte sich jedoch ihr Sinn durch einen Betonungswechsel. Denn gerade die Betonung des an erster Stelle des Kompositums stehenden, sinnstiftenden Wortteils ging dadurch verloren.

War es bisher selbstverständlich , nämlich in Verknüpfung mit der Aussageabsicht, insbesondere im Zusammenhang mit einem Attribut, grammatisch-intuitiv die richtige Wahl zu treffen, trat nun eine um so größere Unsicherheit ein. Denn die Botschaft, zusammengesetzte Wörter seien vermehrt zu trennen, wurde als beliebig aufgefasst und inflationär umgesetzt. Die Erwägung einer Getrenntschreibung bedeutet vielfach eine umso komplexere grammatische Analyse. Im Ergebnis hat deshalb die beabsichtigte Vereinfachung zu unabsehbaren Komplikationen geführt.

Im Deutschen kann man wie kaum in anderen Sprachen Substantive, Verben[5], Adjektive zusammensetzen, mit Präpositionen, Vor- und Nachsilben zu Komposita verbinden und immer wieder Neues dadurch ausdrücken. Diese Möglichkeit kann Wortungetüme hervorbringen, genauso wie individuelle Ausdruckseleganz, weil langwierige Umschreibungen vermieden werden. Für Leser und Hörer kann sich dies aber auch für das Verständnis hindernd – verständnishindernd – auswirken.

Oft bedürfen gerade diejenigen Komposita, die sich von Verben ableiten, in ihrer Ursprungsversion, der Fügung, einer Präposition[6], um grammatisch korrekt die Bezüge abzubilden. Diese entscheidende Präposition, die ursprünglich im Zusammenhang mit einem Präpositionalobjekt[7] ausgedrückt wird, wird im Kompositum eingespart. Sie muss folglich interpretiert und assoziiert werden.
Also: Präposition + Dativ-Objekt + Partizipialadjektiv[8]
Auf ein Beispiel angewendet sieht es dann folgendermaßen aus:
Präposition: von + Dativobjekt: Blut + Partizipialadjektiv: triefend
bluttriefend: Gemeint ist "von" Blut triefend
Beispiele

zielführend = "zum" Ziel führend

schaumgeboren = "aus" Schaum geboren

interessenkongruent = "mit/in" kongruentem Interesse

erfolgsorientiert = "am" Erfolg orientiert

zukunftweisend = "in" die Zukunft weisend

programmgesteuert = "von" dem Programm gesteuert

vernunftbegabt = "mit" Vernunft begabt

hitzeflirrend = "vor" Hitze flirrend

angsterfüllt = "von" Angst erfüllt

therapieerfahren ="in" Therapie erfahren

ehegeschädigt = "durch" die Ehe geschädigt

notgedrungen = "aus" Not gedrungen

Man hat also die Wahl zwischen einer Fügung[18] und einem Kompositum.

Ist der erste Bestandteil des Wortes durch eine Wortgruppe darstellbar oder ersetzbar – paraphrasierbar – schreibt man zusammen.

Also:
herzerwärmend = das Herz erwärmend, angsterfüllt = von Angst erfüllt.

Bedarf der substantivische Teil des Kompositums keines Artikels oder einer Präposition, liegt dem Wortsinn des ersten, des substantivischen Teils keine Wortgruppe zugrunde. Ist das Wort sowohl als Zusammensetzung als auch als syntaktische Fügung zu begreifen, dann kann zwischen beiden Möglichkeiten gewählt werden:

Sehnsucht erweckend oder sehnsuchterweckend

Bei Kombinationen, die keines Artikel bedürfen, kann groß und getrennt geschrieben werden. Kombinationen, bei denen ein Artikel getrennt geschrieben zu einem Teil der Aussage gehört, schreibt man bei Verzicht auf den Artikel klein und zusammen.

Komposita lassen sich beispielsweise mit den folgenden Elementen bilden:
Beispiele für Komponenten, die zurückgehen auf den
– Dativ

– geschuldet

– bedürfend

– entsprechend

– gewidmet

– entsagend

– Akkusativ

– erzeugend

– bewirkend

– zerreißend

– lähmend

– schädigend

– hindernd

– bindend

– steuernd

– achtend

– verlangend

– Genitiv

– entbehrend

– bedürfend

– gedenkend

Beispiele für geläufige Komposita

herzergreifend

furchteinflößend

nervenzerfetzend

ohrenbetäubend

bewegungshemmend

gesundheitsschädigend

ekelerregend

Da ein prädikativer[26] Gebrauch des Partizip Präsens im Deutschen – im Gegensatz etwa zur englischen Verlaufsform – ungrammatisch ist, erhält es in prädikativer Stellung einen adjektivischen Charakter, es muss als Kompositum zusammengeschrieben werden.
Beispiele

Das Gewitter war furchterregend.

Der Donner war ohrenbetäubend.

Aus diesem Grund kann beim Prädikativ[26] auch nur ein Adverb, das sich auf den Verbteil bezieht, die Aussage näher bestimmen.
Beispiele

Das Gewitter war sehr furchterregend.

Der Donner war ganz ohrenbetäubend.

Manche Wortgebilde aus Substantiv und Partizip lassen sich in attributiver Stellung als Wortgruppe oder als Zusammensetzung auffassen. Hier kann man durch die Schreibung die Aussageabsicht differenzieren:

Die Getrenntschreibung verweist auf eine Konkretisierung eines Vorgangs oder Zustandes:
Die Zecke befand sich Blut saugend im Fell der Katze.
Eine Zusammenschreibung signalisiert hingegen eine generelle Kategorisierung bzw. fortdauernde Eigenschaft:
Die Mücke ist ein blutsaugendes Insekt, die Dionaea muscipula ist eine fleischfressende Pflanze, die Lärche ist ein nadelabwerfender Baum.

Daraus lässt sich ersehen, dass die Getrenntschreibung in speziellen Fällen sinnvoll ist, dann nämlich, wenn eine Konkretisierung der Aussage im Vordergrund steht.
Beispiele

Die Mücke ist ein blutsaugendes Insekt.

Die Zecke befand sich Blut saugend im Fell der Katze.

Leitet sich ein adjektivisches Kompositum von ein Partizip Perfekt[22] ab, ändert sich die Perspektive aus aktivischer in eine passivische Sicht.
Beispiele für die Verschiedenheit der Aussage, je nach Wahl des Partizips

instinktbindend - instinktgebunden

kraftzehrend - sehnsuchtverzehrt

bewegungshemmend[15] - gefühlsgehemmt

funktionsbestimmend - funktionsbestimmt

sinnentleerend - sinnentleert

[1] Kompositum = zusammengesetztes Wort, Verschmelzung

[2] Substantiv = Haupt- / Namenwort, Nomen

[3] Partizip Präsens bezeichnet den Verlauf z. B hemmend

[4] Adjektiv = Wiewort

[5] Verb = Tuwort

[6] Präposition = Umstandswort, Voranstellung, z.B. mit, durch, für etc

[7] Objekt= Satzaussage

[8] Adjektiv, das einem Partizip entlehnt ist

[9] Akkusativ = 4. Fall, Wen? oder Was?

[10] Artikel = Geschlechtswort. bestimmter A. der, die, das etc

[11] A-Objekt = Satzaussage auf die Frage Wen? oder Was?

[12] Passiv = Leideform. Aktiv: Tatform. Diese beiden Erscheinungsformen des Verbs heißen das Genus Verbi.

[13] transitive Verben können ins Passiv übertragen werden, können folglich ein Akkusativobjekt führen

[14] Konnotation = Bedeutungshintergrund

[15] Fugen-s ist ein der Sprechfreundlichkeit oder der genitivischen Kennzeichnung dienende Verbindung innerhalb eines Kompositum

[16] Genitiv = 2.Fall, Wessen?

[17] Partizip = Mittelwort der Gegenwart bzw. der Vergangenheit

[18] Fügung = grammatische Umschreibung, Ausdruck

[19] departizipial = von einem Partizip abgeleitet

[20] Dativ = 3. Fall, Wem? Dativ-Objekt = Satzaussage auf die Frage Wem?

[21] Präpositionalobjekt = Objekt, das einer Präposition bedarf

[22] Partizip Perfekt  bezeichnet den Abschluss einer durch das Verb beschriebenen Handlung, z. B. gehemmt

[23] Kasus = Fall (Plural: Kasu:s)

[24] reflexiv= rückbezüglich. das bezeichnet Verben, die " sich" voranstellen. z. B. sich schämen

[25] regieren = verlangen. Rektion der Verben bedeutet, dass ein Verb ein Objekt in einem bestimmten Kasus verlangt, z. B: bedürfen verlangt den Genitiv, entsagen verlangt den Dativ

[26] prädikativ = aussagend; das Prädikat betreffend

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