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Rhetorik - Regierungserklärung und Rhetorik
 

  Dr. Angela Merkel
  Bundeskanzlerin
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Die rhetorischen Höhepunkte der ersten Regierungserklärung der Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 30. November 2005

institut1 hat die Rede unter den Kriterien Authentizität, Position, Komplexinhalt, Temperatur und Farbe untersucht. Überraschendes Ergebnis war: Die Regierungserklärung Angela Merkels vermochte in allen fünf Bereichen voll zu überzeugen.

Rhetorische Kriterien und Erläuterungen
Authentizität Redet der Redner in eigener Sprache?
Enthält die Rede Ich-Botschaften?
Passt die Rede zum Redner?
Ist die Rede echt mit der Folge der Glaubwürdigkeit?
Position Wird die Rede der Rolle und Funktion des Redners gerecht?
Hat der Redner erforderliche Reflexionen geleistet?
Ist die Rede angemessen?
Wird der Redner der Situation gerecht?
Komplexinhalt Sind Meta-Botschaften enthalten, Inhalte die über, ober- oder außerhalb der Rede liegen?
Wird effizient kommuniziert, also auf Inhalte geachtet und gleichzeitig eine Meta-Position aktiviert?
Temperatur Besteht Stimmigkeit zwischen Redner, Publikum und Situation?
Ist die Rede im richtigen Grade engagiert?
Ist die Rede unterkühlt, überhitzt oder wohl temperiert?
Besteht ein hinreichender Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung?
Farbe Ist die Rede verwaschen oder deutlich?
Ist die Rede spröde oder bildhaft?
Werden Stilmittel gekonnt angewandt?
Leistet die Rede einen Beitrag zur Entwicklung der Redekunst?

Auszug 1: Wer hätte gedacht?

   Wer hätte noch vor einigen Wochen und Monaten gedacht, dass heute eine große Koalition antritt, um unser Land gemeinsam in die Zukunft zu führen?

(Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE): Wir!)

Wer hätte gedacht, dass SPD und Union so viel Verbindendes entdecken, dass sie ein dichtes Programm für vier Jahre vorlegen?

(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der SPD - Lachen bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN - Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Wähler nicht!)

Wer hätte gedacht, dass mein Koalitionspartner von einem Parteivorsitzenden aus Brandenburg angeführt wird? Wer hätte gedacht, dass das höchste Regierungsamt schon in diesem Jahr einer Frau übertragen wird? Wer hätte das alles gedacht?

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

   Das alles ist für viele von uns eine Überraschung und ich sage: manches davon auch für mich. Aber es ist nicht die größte Überraschung meines Lebens. Die größte Überraschung meines Lebens ist die Freiheit. Mit vielem habe ich gerechnet, aber nicht mit dem Geschenk der Freiheit vor meinem Rentenalter.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

   Alle Wege vor 1989 endeten an einer Mauer, die nur wenige Meter von diesem Platz entfernt unser Land für alle Zeit zu zerschneiden schien. Wenn Sie schon einmal in Ihrem Leben so positiv überrascht wurden, dann halten Sie vieles für möglich. Dabei möchte ich bleiben.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

Rhetorische Kritik Auszug 1: Wer hätte gedacht?
Authentizität "Die größte Überraschung meines Lebens ist die Freiheit", eine hochwertige Ich-Botschaft, steht hier im Kern des Vortrags.
Position Die Einkleidung der Aussage "eine große Koalition tritt an" in eine rhetorische Frage überzeugt.
Komplexinhalt Es gibt Möglichkeiten auch dann, wenn man sie noch nicht sieht, die Erfahrung positiver Überraschungen bildet die Grundlage für Optimismus.
Temperatur Die Temperatur von Aussagen und Vortrag stimmt, das Gleichgewicht von Geschichte, Situation und Perspektive wurde gefunden.
Farbe Die Passage enthält eine sehr gelungene Kette rhetorischer Fragen. Die Kunst liegt in der Qualität dieser Fragen.
Auszug 2: Situation und Möglichkeiten

   Eine große Koalition zweier unterschiedlicher Volksparteien eröffnet die ganz unerwartete Möglichkeit, zu fragen, was wir gemeinsam besser machen können - ohne uns dabei dauernd mit Schuldigkeiten aufzuhalten, ohne dauernd mit dem Finger auf den anderen zu zeigen und zu fragen, welchen Missstand der andere - natürlich ganz allein - herbeigeführt hat. Denn eines ist klar: Wir alle, ob wir es zugeben oder nicht, tragen Verantwortung dafür, dass wir heute die Möglichkeiten unseres Landes noch nicht voll ausschöpfen: Unser Wachstum kommt seit Jahren nicht mehr richtig in Schwung, die Verschuldung ist in erschreckende Höhen gestiegen, der Aufholprozess der neuen Bundesländer ist seit Jahren gestoppt und ohne den Automobilsektor wäre Deutschland nicht mehr ein solches Hightechland, wie ich mir das wünsche. PISA zeigt, dass wir an vielen Stellen nicht mehr einfach sagen können: Wir sind eine Bildungsnation. Den rapiden Wandel der Arbeitswelt haben wir noch nicht bewältigt. Deutschland ist nicht hinreichend auf die demographischen Veränderungen vorbereitet. Auch auf die Bedrohungen neuer Art und die fließenden Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit haben wir noch keine umfassenden Antworten gefunden.

Rhetorische Kritik Auszug 2: Situation und Möglichkeiten
Authentizität Das persönliche Programm der Rednerin wird deutlich vorgetragen.
Position Sie vermag ihre Funktionen als Bundeskanzlerin, Parteivorsitzende und vormalige Wahlkämpferin in der Situation der Regierungserklärung überzeugend zu verbinden.
Komplexinhalt Die Tatsache, dass nicht alle Lösungen vorhandener Probleme in der Koalitionsvereinbarung enthalten sind, wird in adäquater Sprache mitgeteilt.
Temperatur Der Notwendigkeit einer komplexen Problembeschreibung genügt die Rednerin mit angemessener Sachlichkeit.
Farbe Obgleich die Farbe Grau dominieren muss, bildet die Aussage "Wir sind eine Bildungsnation" einen guten Kontrast.
Auszug 3: Ein Vizekanzler

Deutschland ist das Land der Ideen, wie der Bundespräsident sagt. Zu einem Land der Ideen gehört nach meiner Auffassung eine Regierung der Taten. Und diese unsere Bundesregierung hat sich viele Taten vorgenommen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

   Ein Vizekanzler einer früheren großen Koalition und späterer Bundeskanzler hat einmal gesagt: Mehr Demokratie wagen.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Ich weiß, dass dieser Satz viele, zum Teil sehr heftige Diskussionen ausgelöst hat. Aber ganz offensichtlich hat er den Ton der damaligen Zeit getroffen. Ich sage persönlich: Gerade in den Ohren der Menschen jenseits der Mauer klang er wie Musik. Gestatten Sie mir, diesen Satz heute zu ergänzen und uns zuzurufen: Lassen Sie uns mehr Freiheit wagen!

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)

Lassen Sie uns die Wachstumsbremsen lösen! Lassen Sie uns uns selbst befreien von Bürokratie und altbackenen Verordnungen! Viele unserer europäischen Nachbarn zeigen uns doch, was möglich ist. Deutschland kann das, was andere können, auch davon bin ich zutiefst überzeugt.

Rhetorische Kritik Auszug 3: Ein Vizekanzler
Authentizität Angela Merkel pur, präzise, scheinbar verhalten, doch mit großem, gedeckten Selbstbewußtsein, jeder Komplexität gewachsen.
Position Das Amt Bundeskanzlerin sowie die eigene Person werden rhetorisch brillant eingeordnet.
Komplexinhalt Der Bundespräsident als Mann der Sprache, die Bundeskanzlerin als Frau der Taten, einer ihrer Vorgänger als Wegbereiter für ihr "Lassen Sie uns mehr Freiheit wagen!" - glänzend.
Temperatur Die Nüchternheit, die kein Pathos braucht, weil sie gesicherte Substanz hat, überzeugt.
Farbe Das Moment der Überraschung hat Klasse: Willy Brandt wird - ohne ihn beim Namen zu nennen - zunächst als "Vizekanzler" eingeführt, dann mit dem programmatischen Kernsatz "Mehr Demokratie wagen" zitiert, um ihn schließlich "zu ergänzen", das alles unter dem Beifall der Abgeordneten von SPD und CDU, das alles in vier präzisen, klaren Sätzen, großartig, Chapeau!
Auszug 4: Schritte

   Meine Damen und Herren, aus all dem, was ich gesagt habe, wird deutlich: Wir haben uns viel vorgenommen - weil wir sicher sind, dass vieles möglich ist und weil wir auch wissen, dass viele Menschen vieles erwarten. Diese Koalition will Rituale überwinden und neue Wege aufzeigen. Viele werden sagen: Diese Koalition, die geht ja viele kleine Schritte und nicht den einen großen. Ich erwidere ihnen: Ja, genau so machen wir das. Denn wir glauben, dass auch das ein moderner Ansatz sein kann. Es hat sich herausgestellt, dass die Vernetzung von vielen kleinen Computern, an vielen Stellen, effektiver ist als der eine Großrechner - der Erfolg des Internets beruht auf genau dieser Philosophie. Deshalb werden wir eine Regierung sein, die diese vielen kleinen Schritte ganz bewusst in Angriff nimmt. Wir werden uns nicht drücken vor dem Handeln, wir werden eine Regierung der Taten sein. Wir wissen, dass wir auch Rückschläge werden hinnehmen müssen. Aber wir werden eines zeigen: Wir haben große Möglichkeiten in diesem Land. Deutschland ist voller Chancen, nach innen wie nach außen.

(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)

Rhetorische Kritik Auszug 4: Schritte
Authentizität Angela Merkel kennt ihre Widersacher ("Viele werden sagen"), sie bleibt unbeeindruckt (Ja, genau so machen wir das).
Position Die Bundeskanzlerin beschreibt die Funktion der großen Koalition und ihrer Regierung mit nachvollziehbarer Deutlichkeit.
Komplexinhalt Viele kleine Schritte oder ein großer Schritt? Am Beispiel des Erfolges des Internets wird transparent, dass genau in den vielen kleinen Schritten das Zukunftskonzept liegt.
Temperatur Ihr Engagement ist ideal temperiert, Inhalt und Vortrag sind stimmig.
Farbe Die Bilder von Menschen mit Erwartungen, zu überwindenden Ritualen, vielen kleinen Schritten statt eines großen, vielen kleinen Computern statt eines Großrechners, führen zu Optimismus.
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