 |
|
 Angela Merkel im Bundestag
(c) dcic - development company for
internet contents, Bildarchiv
 |
 |
Die Regierungserklärung der Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 30. November 2005 im Volltext

Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin (Textwiedergabe nach der protokollarische Mitschrift des Deutschen Bundestages, © 2005 Presse- und Informationsamt der Bundesregierung):

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Gestatten Sie mir aus aktuellem Anlass
zunächst eine Bemerkung. Seit Freitag vergangener Woche werden im Irak eine deutsche Staatsangehörige und ihr irakischer Fahrer vermisst. Nach
dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse müssen wir davon ausgehen, dass die
beiden entführt worden sind. Die Bundesregierung und - ich bin sicher - auch
das gesamte Hohe Haus verurteilen diese Tat mit Entschiedenheit.
(Beifall im ganzen
Hause)
Eines
ist für die Bundesregierung und, wie ich denke, auch für dieses Parlament klar:
Wir lassen uns nicht erpressen.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Genauso klar ist: Alle Anstrengungen der
Bundesregierung sind in dieser Situation darauf gerichtet, das Leben von
Susanne Osthoff und ihres irakischen Begleiters zu schützen und ihre
Freilassung zu erreichen. Unsere Gedanken sind in diesen Stunden und Tagen bei
den Angehörigen und Freunden der Betroffenen. Wir fühlen mit ihnen. Sie sollen
wissen: Alle Deutschen nehmen Anteil am Schicksal der Entführten und alle
Deutschen empfinden eine tiefe Solidarität und Verbundenheit mit ihnen.
(Beifall im ganzen
Hause)
Ihnen allen möchte ich versichern: Die Bundesregierung unternimmt
alles, was in ihrer Macht steht, um die deutsche Staatsangehörige und ihren
Fahrer so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen.
Noch
wissen wir nichts über die Motive oder die Hintergründe. Daher verbieten sich
voreilige Schlussfolgerungen.
Aber
es ist ganz grundsätzlich festzuhalten: Der internationale
Terrorismus ist unverändert eine der größten Herausforderungen für die
Staatengemeinschaft. Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus dürfen wir
nicht nachlassen. Er richtet sich gegen das, was uns wichtig ist und was den
Kern unserer Zivilisation ausmacht: Er richtet sich gegen unser gesamtes
Wertesystem, gegen Freiheit, Toleranz, Respekt und die Achtung der Menschenwürde,
gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Würden wir diese Werte aufgeben,
würden wir uns selbst aufgeben.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten
der LINKEN)
Meine
Damen und Herren, noch etwas spüren wir in diesen Stunden, etwas, das unser
Land auszeichnet: Vor dem Leid anderer verschließen wir weder unsere Augen noch
unsere Herzen. Wir wissen, was Solidarität vermag.
Wir haben erfahren, welche Kraft aus der Gemeinschaft und aus der Nächstenliebe
erwachsen kann. Wir sind uns bewusst, dass ein Volk mehr ist als eine lose
Ansammlung von Individuen, und wir wissen, dass ein Volk auch immer eine
Schicksalsgemeinschaft ist. Wenn wir diese Erkenntnis beherzigen, können wir
daraus Kraft und Zuversicht schöpfen, mit denen wir auch diese großen
Herausforderungen meistern können.
Meine
Damen und Herren, dieses Signal aus diesem Hohen Haus am Anfang der Debatte ist
mir sehr wichtig. Wir haben uns nämlich zusammengefunden, um heute und in den
nächsten Tagen die erste Regierungserklärung der neuen Bundesregierung zu
diskutieren. Ich darf Sie zu Beginn fragen: Für wen mag das heute wohl die
größte Überraschung sein? Wer hätte noch vor einigen Wochen und Monaten
gedacht, dass heute eine große Koalition antritt, um unser Land gemeinsam in
die Zukunft zu führen?
(Dr. Gregor Gysi (DIE
LINKE): Wir!)
Wer hätte gedacht, dass SPD und Union so viel
Verbindendes entdecken, dass sie ein dichtes Programm für vier Jahre vorlegen?
(Heiterkeit und Beifall
bei der CDU/CSU und der SPD - Lachen bei Abgeordneten der LINKEN und des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN - Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die
Wähler nicht!)
Wer hätte gedacht, dass mein Koalitionspartner
von einem Parteivorsitzenden aus Brandenburg angeführt wird? Wer hätte gedacht,
dass das höchste Regierungsamt schon in diesem Jahr einer Frau übertragen wird?
Wer hätte das alles gedacht?
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Das
alles ist für viele von uns eine Überraschung und ich sage: manches davon auch
für mich. Aber es ist nicht die größte Überraschung meines Lebens. Die größte
Überraschung meines Lebens ist die Freiheit. Mit vielem habe ich gerechnet,
aber nicht mit dem Geschenk der Freiheit vor meinem Rentenalter.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Alle
Wege vor 1989 endeten an einer Mauer, die nur wenige Meter von diesem Platz
entfernt unser Land für alle Zeit zu zerschneiden schien. Wenn Sie schon einmal
in Ihrem Leben so positiv überrascht wurden, dann halten Sie vieles für
möglich. Dabei möchte ich bleiben.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ich habe die neue Koalition eine „Koalition der neuen Möglichkeiten“ genannt. Ich wünsche
mir, dass sie unserem Land und allen Deutschen neue Möglichkeiten eröffnet, und
ich wünsche mir, dass wir diese Chancen dann auch wirklich nutzen und
wahrnehmen. Das heißt für mich konkret: Der Anspruch der neuen Bundesregierung
an sich und an das Land ist nicht gering. Wir wollen die Voraussetzungen
schaffen, dass Deutschland in zehn Jahren wieder zu den ersten drei in Europa
gehört. Ich finde, das ist ein legitimer und wichtiger Anspruch.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Meine
Damen und Herren, das Grundgesetz, die soziale Markwirtschaft, die duale
Berufsausbildung, all das waren Ideen, die die Menschen in der gesamten Welt
inspirierten. In Deutschland wurde das erste Auto gebaut und der erste
Computer, in Deutschland wurde das Aspirin entwickelt. Von diesen Innovationen
zehren wir noch heute. Warum soll uns das, was uns früher und was uns zu Beginn
dieser Bundesrepublik Deutschland, in den ersten Gründerjahren, gelungen ist,
heute, in den - wie ich sage - zweiten Gründerjahren, nicht
wieder gelingen?
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Lassen Sie uns also alle damit überraschen,
was wir in diesem Lande können.
Eine
große Koalition zweier unterschiedlicher Volksparteien eröffnet die ganz
unerwartete Möglichkeit, zu fragen, was wir gemeinsam besser machen können -
ohne uns dabei dauernd mit Schuldigkeiten aufzuhalten, ohne dauernd mit dem
Finger auf den anderen zu zeigen und zu fragen, welchen Missstand der andere -
natürlich ganz allein - herbeigeführt hat. Denn eines ist klar: Wir alle, ob
wir es zugeben oder nicht, tragen Verantwortung dafür, dass wir heute die
Möglichkeiten unseres Landes noch nicht voll ausschöpfen: Unser Wachstum kommt
seit Jahren nicht mehr richtig in Schwung, die Verschuldung ist in
erschreckende Höhen gestiegen, der Aufholprozess der neuen Bundesländer ist
seit Jahren gestoppt und ohne den Automobilsektor wäre Deutschland nicht mehr
ein solches Hightechland, wie ich mir das wünsche. PISA zeigt, dass wir an
vielen Stellen nicht mehr einfach sagen können: Wir sind eine Bildungsnation.
Den rapiden Wandel der Arbeitswelt haben wir noch
nicht bewältigt. Deutschland ist nicht hinreichend auf die demographischen
Veränderungen vorbereitet. Auch auf die Bedrohungen neuer Art und die
fließenden Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit haben wir noch keine
umfassenden Antworten gefunden.
Meine
Damen und Herren, wir alle kennen die Probleme und ich kann sagen: Die große
Koalition hat die Lage unseres Landes ehrlich analysiert und wir haben auch
gemeinsam die Chance erkannt, die Möglichkeiten unseres Landes besser zu
nutzen. Warum sollten wir nicht alle damit überraschen, was in diesem Land
gelingen kann?
Wir
wissen, wir haben dicke Bretter zu bohren: Wir wollen den Föderalismus neu ordnen, wir wollen den Arbeitsmarkt fit
machen, wir wollen unsere Schulen und Hochschulen wieder an die Spitze führen,
wir wollen unsere Verschuldung bändigen und unsere Gesundheits- und Renten- und
Pflegesysteme in Ordnung bringen. Niemand kann uns daran hindern - außer wir
selbst. Deshalb lassen Sie uns verzichten auf die eingeübten Rituale, auf die
reflexhaften Aufschreie, wenn jemand etwas verändern will. Es sollte wirklich
einmal möglich sein, dass wir in dieser großen Koalition dieses alles hinter
uns lassen und neue Wege gehen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Bei
der Vorbereitung auf diese Regierungserklärung habe ich viel darüber
nachgedacht, wie ich alle Gruppen erwähnen und würdigen kann, die für das
Miteinander in unserem Land so wichtig sind. Ich habe darüber nachgedacht, ob
ich Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften, Kirchen und Religionsgemeinschaften
alle einzeln benennen soll. Ich habe mich am Ende dafür entschieden, auf eine
solche Auflistung zu verzichten. Denn es geht nicht um Gruppen - es geht um uns
alle, es geht um unser Gemeinwesen, um unsere gemeinsame Zukunft.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Überraschen
wir uns deshalb damit, dass wir die großen Fragen nicht immer aufgegliedert
nach Einzelfragen und -interessen angehen, sondern einmal im Zusammenhang.
Überraschen wir uns damit, dass wir sachlich, fair, ehrlich alles angehen und
gemeinsam lösen. Bei allen Aufgaben, die wir vor uns haben, sollten wir nicht
vergessen: Frühere Generationen, die, die vor uns Probleme zu lösen hatten,
hatten ungleich größere Probleme; denken wir an den Aufbau nach dem Krieg in
West und Ost, denken wir an die historische Leistung der Ostdeutschen,
friedlich eine Diktatur zu überwinden. Dagegen ist unsere heutige Lage
beneidenswert.
Sicher: Licht und Schatten liegen an vielen
Stellen sehr eng beieinander; ich nenne den Aufbau Ost. Aber festzuhalten
bleibt doch: 15 Jahre nach der deutschen Einheit ist Gigantisches
geleistet worden. Mit Transferzahlungen von jährlich 4 Prozent des
Sozialprodukts ist es gelungen, die neuen Bundesländer wieder aufzubauen. Ich
möchte von dieser Stelle aus allen in Deutschland danken, die zu diesem Prozess
beigetragen haben.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD und der FDP)
Die
Umwelt erholt sich, die Infrastruktur ist ausgebaut, in wenigen Tagen wird -
das sei mir als Bewohnerin von Mecklenburg-Vorpommern gestattet zu sagen - das
letzte Stück der Ostseeautobahn dem Verkehr übergeben. Das sind nur einige
Beispiele dafür, was wir in 15 Jahren alles geschafft haben.
Auch
sonst bietet unser Land großartige Voraussetzungen, die wir nun endlich nutzen
sollten: Deutschland ist Exportweltmeister. In keinem Land in Europa werden
mehr Patente angemeldet. Gerade wurde wieder ein deutscher Wissenschaftler mit
einem Nobelpreis geehrt.
(Beifall bei Abgeordneten
der SPD)
Unsere kulturelle Vielfalt ist einzigartig.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Deutschland ist das Land
der Ideen, wie der Bundespräsident sagt. Zu einem Land der Ideen gehört
nach meiner Auffassung eine Regierung der Taten. Und diese unsere
Bundesregierung hat sich viele Taten vorgenommen.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ein
Vizekanzler einer früheren großen Koalition und späterer Bundeskanzler hat
einmal gesagt: Mehr Demokratie wagen.
(Beifall bei
Abgeordneten der SPD)
Ich weiß, dass dieser Satz viele, zum Teil
sehr heftige Diskussionen ausgelöst hat. Aber ganz offensichtlich hat er den
Ton der damaligen Zeit getroffen. Ich sage persönlich: Gerade in den Ohren der
Menschen jenseits der Mauer klang er wie Musik. Gestatten Sie mir, diesen Satz
heute zu ergänzen und uns zuzurufen: Lassen Sie uns mehr Freiheit wagen!
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Lassen Sie uns die Wachstumsbremsen lösen!
Lassen Sie uns uns selbst befreien von Bürokratie und altbackenen Verordnungen!
Viele unserer europäischen Nachbarn zeigen uns doch, was möglich ist.
Deutschland kann das, was andere können, auch; davon bin ich zutiefst
überzeugt.
Schon
die vergangene Regierung hatte Schritte eingeleitet, wodurch die Möglichkeiten,
die unser Land hat, besser genutzt werden sollten. Jenseits aller
parteipolitischen Differenzen - diese waren in den vergangenen Jahren nicht zu
übersehen - möchte ich deshalb an dieser Stelle ausdrücklich eines tun: Ich
möchte Bundeskanzler Schröder ganz persönlich dafür danken, dass er mit seiner Agenda 2010 mutig und entschlossen eine Tür aufgestoßen
hat, eine Tür zu Reformen, und dass er die Agenda gegen Widerstände
durchgesetzt hat.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Damit hat er sich um unser Land verdient
gemacht. Nicht zuletzt dafür möchte ich ihm im Namen aller Deutschen danken.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Meine
Damen und Herren, ich habe gesagt, dass ich nicht jede Gruppe einzeln benennen
möchte, und zwar nur deshalb, damit mir niemand vorwerfen kann, ich hätte eine
Gruppe vergessen. Aber eine Gruppe ist mir so wichtig, dass sie erwähnt werden
muss - sie wird bei allen künftigen Fragen eine wichtige Rolle spielen -: Ich
meine die Schwachen. Ich meine die Schwachen, die die Solidarität und die Hilfe
von uns allen brauchen. Ich meine Kranke, Kinder und viele Ältere. Die
Menschlichkeit unserer Gesellschaft entscheidet sich daran, wie wir mit ihnen
umgehen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie des Abg. Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE))
Wir, die neue Bundesregierung von Union und
Sozialdemokraten, wollen unser Land so ertüchtigen, dass sich die Schwachen
auch in Zukunft darauf verlassen können, dass sie nicht alleine gelassen
werden, dass ihnen geholfen wird. Das ist unser Verständnis von sozialer
Gerechtigkeit.
Das beginnt bei der Absicherung der großen
Lebensrisiken. Wir wollen die solidarische
Altersversorgung erhalten. Aber wie wir wissen, wird der dritte
Lebensabschnitt immer länger. Deshalb haben wir uns entschlossen, die Antwort
darauf zu geben und die gesetzliche Regelaltersgrenze der Rentenversicherung
schrittweise auf 67 Jahre anzuheben. Das geschieht nicht sofort, sondern
beginnt erst ab 2012 mit einer langen Übergangszeit. Wir haben daneben aber
festgelegt, dass Menschen, die 45 Arbeitsjahre hinter sich haben, auch
weiterhin abschlagsfrei mit 65 Jahren in Rente gehen können. Ich denke,
damit haben wir uns eine ganz sinnvolle Regelung überlegt.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Wir
haben das ausführlich diskutiert und gesagt, wir müssen dafür sorgen, dass sich
die Menschen rechtzeitig darauf einstellen können. Verlässlichkeit soll das
Markenzeichen dieser Bundesregierung sein. Wir werden das deshalb schon 2007
beschließen müssen. Dieses Vorhaben wird dann Hand in Hand mit besonderen
Anstrengungen in Bezug auf Beschäftigungsmaßnahmen für ältere Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer im Rahmen der Initiative 50 plus gehen.
Wenn wir es nicht schaffen, dass auch die Älteren wieder die Chance haben,
länger arbeiten zu können, dann werden wir in der Gesellschaft kein Verständnis
dafür erhalten, dass wir die Lebensarbeitszeit insgesamt verlängern. Beides
muss Hand in Hand gehen. Alles andere wird keine Akzeptanz finden.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Wir
haben gesagt, dass wir die Rentnerinnen und Rentner mit einer Sicherungsklausel
vor Rentenkürzungen schützen. Weil es aber dabei bleibt, dass sich die Rente
auch in Zukunft im Grundsatz an der Lohnentwicklung orientiert, müssen wir
gleichermaßen auch sagen, dass ausgebliebene Anpassungen in den kommenden
Jahren nachgeholt werden. Das bedeutet, dass wir den Menschen - insbesondere
denjenigen mit kleineren Renten - sehr viel zumuten. Ich weiß das. Ich sage
aber auch: Wir haben darum gerungen, wie wir Gerechtigkeit zwischen den Älteren
und den Jüngeren herstellen können. Ich halte es für besser, dass wir heute
klar sagen, was wir können und was wir nicht können, um einen Ausgleich
zwischen den Generationen auch als Vertrauensbasis für den Zusammenhalt in
unserer Gesellschaft durchzusetzen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Meine
Damen und Herren, es gehört doch zur Ehrlichkeit, zu sagen - ich sage das für
alle politischen Gruppen -, dass wir den Menschen dort zu oft Sicherheit
vorgegaukelt haben, wo wir sie im Grunde nicht mehr garantieren konnten. Diesen
Fehler wollen wir nicht wiederholen.
Deshalb
werden wir auch die kapitalgedeckte Altersversorgung für
junge Familien deutlich verbessern und das selbst genutzte Wohneigentum in die
Altersversorgung integrieren. Ich glaube, damit sind zwei wesentliche Punkte
gelungen, durch die die Menschen ihre freiwillige Vorsorge für ihr Alter
verstärken werden. Insofern kann ich sagen: Wir sind bei der Rente und dem, was
wir uns vorgenommen haben, einen ehrlichen, schwierigen, aber
zukunftsträchtigen Weg gegangen.
Ich
sage ganz ehrlich: Zur Wahrheit dieser Regierungserklärung gehört auch, dass
uns das beim Gesundheitssystem noch nicht gelungen
ist. Ich sage: „noch nicht“. Auch die Kranken sollen sich natürlich auf ein
zuverlässiges Gesundheitssystem verlassen können. Sie alle wissen - darüber
braucht man gar nicht hinwegzugehen -, Union und Sozialdemokraten haben mit der
solidarischen Gesundheitsprämie auf der einen Seite und der Bürgerversicherung
auf der anderen Seite bisher zwei völlig konträre Ansätze verfolgt. Ich sage
auch sehr deutlich: Wir wollten in den Koalitionsverhandlungen keinen faulen
Kompromiss auf die Schnelle erreichen.
Das
heißt: Wir alle wissen, dass wir einen neuen Ansatz und ein leistungsfähiges
und hoch qualifiziertes Gesundheitssystem brauchen, das für alle zugänglich
ist. Es muss Beschäftigung ermöglichen, wettbewerbsfördernd sein, die Lasten solidarisch
verteilen und Generationengerechtigkeit bieten. All diese Dinge wissen wir.
Deshalb sind wir bereit und willens, mit einem neuen Ansatz im neuen Jahr eine
Lösung hierfür zu finden, auch wenn das eine schwierige Aufgabe ist. Ich
zumindest werde mich sehr dafür einsetzen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD - Fritz Kuhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wie sieht das denn
aus?)
Auf
der Leistungsseite werden wir allerdings schnell Veränderungen vornehmen. Wir
wollen mehr Vertragsfreiheit und Gestaltungsmöglichkeiten von den Patienten
über die Krankenkassen bis hin zu den Praxen und den Krankenhäusern. Bei der
Arzneimittelversorgung kommen wir um weitere Maßnahmen zur Kostensenkung nicht
herum. Insbesondere die forschende Pharmaindustrie muss
bessere Standortbedingungen erhalten. Auch dafür haben wir Sorge getragen. Denn
die Innovationskraft Deutschlands wird gerade von der forschenden
Pharmaindustrie in ganz wesentlichem Umfang abhängen.
Genauso wie die Krankenversicherung bleibt
auch die Pflegeversicherung ein zentraler Baustein
der solidarischen Absicherung. Wir wollen, dass der Zweck und die Idee der
Pflegeversicherung auch weiterhin gelebt werden können. Das heißt, dass wir das
Umlageverfahren durch eine kapitalgedeckte Demographierücklage ergänzen werden.
Das heißt auch, dass die private Pflegeversicherung zukünftig einen Beitrag zur
Bewältigung der Solidarität leisten muss. Das muss fair geschehen; aber wir
glauben, dass dies im Rahmen der Pflegeversicherung ein richtiger Schritt ist.
(Beifall bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Wir
tun das - ich wiederhole mich -, weil sich Alte, Kranke und Kinder auch in
Zukunft darauf verlassen können müssen, dass ihnen geholfen wird und sie nicht
alleine sind. Es geht dabei nicht nur um materielle Dinge, sondern das ist auch
eine moralische Aufgabe.
Dabei
wissen wir: Das Zusammenleben der Generationen hat
sich in den letzten Jahren tief greifend verändert. Es gibt die traditionellen
Familien; es gibt die so genannten Patchworkfamilien; es gibt allein erziehende
Eltern. Ich sage es kurz und knapp: Familie ist überall dort, wo Eltern für
Kinder und Kinder für Eltern dauerhaft Verantwortung tragen.
Ich
will nicht, dass der Staat lenkend eingreift oder gar Lebensentwürfe
vorschreibt. Aber ich will schon - das ist unser gemeinsames Anliegen -, dass
der Staat gute Rahmenbedingungen schafft. Das heißt, dass junge Menschen
ermutigt werden, sich für ein Leben mit Kindern zu entscheiden, und dass sie
dazu nicht nur ermutigt werden, sondern dass sie sich auch entscheiden können.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Das
hat aus meiner Sicht zuvörderst damit zu tun, ob es in diesem Land ein Klima
der Zuversicht, des Mutes und der Perspektiven für das eigene Leben gibt. Aber
es hat außerdem etwas mit sehr praktischen Fragen zu tun, nämlich mit
ausreichenden und bezahlbaren Betreuungsmöglichkeiten. Sicher:
Nach außen ist der Streit über die Entscheidung zwischen Kindererziehung und
beruflichem Fortkommen der vergangenen Jahrzehnte nach vielen Diskussionen und
Reden überwunden. Aber ich betone: nach außen.
(Beifall des Abg. Jörg
Tauss (SPD))
Dennoch
wissen wir, dass die Realität auch heute noch oft eine andere ist, dass die
Widersprüche zwischen Arbeits- und Familienwelt nicht einfach verschwunden sind
und es auch heute nicht selten noch immer eine Frage ist, ob sich eine Frau am
Ende für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf entscheiden kann oder ob sie
sich zwischen Familie und Beruf entscheiden muss.
Die
Politik will dabei helfen, dass diese Widersprüche nicht nur in Worten und
Sonntagsreden überwunden werden, sondern zunehmend auch im täglichen Leben. Das
werden wir tun, indem wir den Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen
vorantreiben. Bis 2010 sollen 230 000 zusätzliche Betreuungsplätze vor
allem für Kleinkinder entstehen. Die zugesagten Mittel allerdings - das betone
ich - müssen den Kommunen real zur Verfügung gestellt werden, damit sie diese
Aufgabe erfüllen können. Nach der Föderalismusreform wird das noch wichtiger.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und der LINKEN)
Wir werden die Kinderbetreuung auch steuerlich
besser fördern. Die Vielzahl von Familienleistungen wollen wir im Übrigen in
einer Familienkasse bündeln, harmonisieren und
organisatorisch zusammenfassen.
Aber
an einem Problem in unserem Land können wir nicht vorbeisehen: Je besser die
Ausbildung der jungen Frauen und Männer ist, desto seltener entscheiden sie
sich für Kinder. Das kennen wir alle und das wird uns auch immer wieder erzählt.
Eine Frau hat ein Studium absolviert, eine hervorragende Ausbildung machen
können, möchte im Beruf Karriere machen und steht dann vor der Frage, wie sie
diesen Berufswunsch mit ihrem Wunsch, eine Familie zu gründen, vereinbart.
Ich
sage unumwunden: Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass dieser
Konflikt ganz einfach und locker überwunden werden kann. Das kann er nicht.
Aber seitens der Politik können wir einen kleinen Beitrag dazu leisten, diesen
Konflikt ein wenig zu mildern. Genau das haben wir getan, indem wir uns
entschlossen haben, ein Elterngeld einzuführen. Es
wird erstmals als Einkommensersatz ausgestaltet und zusätzlich mit einer
Väterkomponente verbunden. Das ist ein neuartiger Ansatz in beide Richtungen.
Ich ahne schon jetzt, welche Diskussionen er hervorrufen wird. Doch die
Betriebe - das sage ich ganz ausdrücklich - sollen sich stärker als bisher in
der Pflicht sehen, auch einmal die Väter zeitweise freizustellen, und zwar, wo
immer dies möglich ist, ohne berufliche Nachteile. Dieser sanfte Druck ist
unumgänglich.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Ich
nenne ein weiteres Stichwort aus unserem Familienprogramm, das mir sehr wichtig
ist: die Mehrgenerationenhäuser. Ich halte es für
eines der spannendsten Projekte der Familien- und Gesellschaftspolitik in einer
Zeit der Änderung der Altersstruktur in unserer Gesellschaft. Wir wissen, dass
die Anforderungen an Mobilität im Berufsleben auf der einen Seite und der
Wunsch nach Fürsorge innerhalb der Familie auf der anderen Seite heute oft
nicht miteinander vereinbar sind. Deshalb gelingt es oft nicht, dass die
pflegebedürftigen Eltern am gleichen Ort wie die Kinder wohnen oder dass sich
die Großeltern um die Enkel kümmern können.
Mit
Mehrgenerationenhäusern - wir müssen diesen Weg symbolisch gehen, um immer
wieder deutlich zu machen, dass es andere Formen des Zusammenlebens gibt -
können wir Menschen aus der Vereinsamung herausführen. Wir können eine
Plattform für bürgerschaftliches Engagement schaffen und zeigen, dass sich die
Generationen mit ihren Erfahrungen im Miteinander der Starken und Schwachen
unserer Gesellschaft etwas zu sagen haben. Deshalb ist das mehr als irgendein
Projekt; es ist vielmehr eine Pforte für uns, um zu lernen, in einer sich
verändernden Gesellschaft miteinander menschlich zu leben.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ich
habe über die vermeintlich Schwachen gesprochen. Wir wissen, dass sie in
Wahrheit oft stark sind und einen unverzichtbaren Beitrag für sich selbst und
unser Gemeinwesen leisten können. Dies zu erkennen und auch zu nutzen macht den
Wert von Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft
aus.
Ich
bin davon überzeugt: Wir müssen uns in jeder Generation neu besinnen, was
gerecht und was ungerecht ist. Gerecht ist, wenn den Schwachen geholfen wird.
Ungerecht ist, wenn sich Starke als Schwache verkleiden und damit die
Gemeinschaft ausnutzen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ungerecht ist auch, wenn wir Menschen
entmündigen und ihnen die Möglichkeit nehmen, ihre eigenen Kräfte zu entdecken.
Deshalb brauchen wir eine neue Gerechtigkeit.
Jeder
von uns kennt in seinem Bekanntenkreis Menschen, denen es wirklich schlecht
geht und die unsere Hilfe dringend brauchen. Aber wir alle kennen auch Menschen,
die diese Hilfsbereitschaft einfach ausnutzen.
(Zuruf von der LINKEN:
Deutsche Bahn AG!)
Lassen
Sie mich auch an dieser Stelle ganz konkret werden: Diese Regierung bekennt
sich ausdrücklich zur Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe.
SPD und Union haben diesen Schritt von
Anfang an grundsätzlich für richtig gehalten. Das schließt unterschiedliche
Auffassungen, zum Beispiel über die Rolle der Kommunen, nicht aus. Aber wir
werden diesen Schritt nicht nur gemeinsam gehen, sondern wir werden auch dafür
Sorge tragen, dass es in diesem Bereich mehr Gerechtigkeit und weniger
Missbrauch geben wird. Deshalb werden wir die Reform der Bundesagentur für
Arbeit fortsetzen. Bei der Vermittlungsarbeit sind - das kann mit Recht festgestellt
werden - in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielt worden. Wir
werden auch, wo immer möglich, Arbeit finanzieren statt Nichtarbeit.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Denn Arbeit heißt, wie wir alle wissen, mehr
als Einkommen und Geld; Arbeit bedeutet vielmehr Würde und Selbstachtung für
die betroffenen Menschen.
(Beifall der Abg. Dr.
Dagmar Enkelmann (DIE LINKE))
Aber
nicht immer - auch das gehört zur Wahrheit - wird nur das in Anspruch genommen,
was nach Sinn und Zweck den Empfängern gesetzlich zusteht. Deshalb werden wir
die Regelungen so ändern, dass Kinder unter 25 Jahren zunächst einmal von
ihren Eltern unterhalten werden, bevor die Gemeinschaft eintritt. Solidarität
in der Gesellschaft kann keine Einbahnstraße sein. Sie müssen immer bedenken:
Das alles wird von den Steuerzahlern bezahlt, die jeden Morgen zur Arbeit gehen
und ein Recht darauf haben, dass auch andere ihre Verpflichtungen einhalten.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)
Mehr
Gerechtigkeit in diesem Bereich bedeutet aber auch, dass der Maßstab, das
Arbeitslosengeld II einfach in zwei Zonen - Ost und West - aufzuteilen, so
nicht trägt. Deshalb wird die so genannte Regelleistung beim
Arbeitslosengeld II Ost an die des Westens angeglichen.
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Alles
in allem haben wir uns in der Arbeitsmarktpolitik vorgenommen, knapp
4 Milliarden Euro einzusparen. Das ist ein anspruchsvolles Ziel, aber
es ist ein wichtiger Beitrag zur Haushaltskonsolidierung.
Wir
führen - das richte ich an alle Landräte und Kommunalpolitiker - derzeit sehr
intensive Gespräche mit den kommunalen Spitzenverbänden und den Ländern, um bei
der Revisionsklausel, was die Kosten für die soziale Grundsicherung angeht,
noch ein Einvernehmen zu erzielen. Wir werden dabei an dem Ziel, die Kommunen
um 2,5 Milliarden Euro zu entlasten, wie wir es versprochen haben,
festhalten und das muss auch die Basis für die Verhandlungen über die Jahre 2006
und 2007 sein.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Wir
müssen - das wissen wir alle angesichts der kurzen Zeit, in der die
Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe erst wirkt - den Grundsatz
„Fördern und Fordern“ umfassend umsetzen. Wir haben heute noch nicht den
Zustand erreicht, dass die Menschen, die zum Teil weniger Leistungen bekommen,
den Eindruck haben, dass sie wirklich eine zusätzliche Chance erhalten haben.
Das muss durchgesetzt werden. Ansonsten wird die Zusammenlegung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe keine allgemeine Akzeptanz finden.
(Dr. Ilja Seifert (DIE
LINKE): Wohl wahr!)
Wenn
wir ein Land sein wollen, in dem wir ein Herz für Schwache haben, dann brauchen
wir auch ein Herz für Leistung und auch ein Herz
für mehr Leistung. Wir müssen stärker anerkennen, wenn sich Menschen
engagieren, wenn sie etwas leisten und wenn sie etwas aufbauen. Diese Menschen
verdienen nicht unseren Neid, sondern unsere Dankbarkeit.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)
Denn mehr Freiheit möglich zu machen heißt:
Wir können den Schwachen dann und nur dann etwas abgeben, wenn wir mehr Starke
haben, die alle anderen mitziehen.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Die
neue Regierung wird sich genau aus diesem Grund in ganz besonderer Weise für
den Mittelstand einsetzen; denn dort lassen sich
die meisten Quellen der Innovation finden. Dort ist der Jobmotor am
wirkungsvollsten und werden die meisten Ausbildungsplätze bereitgestellt.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Wir werden die Wachstumskräfte des
Mittelstandes sehr gezielt stärken. Wir wollen zum 1. Januar 2008 eine
rechtsformneutrale Unternehmensteuerreform in
Kraft setzen, das heißt endlich eine Lösung - das ist in Zeiten der
Globalisierung in Deutschland von extremer Bedeutung -, bei der die
Personengesellschaften, die Familienbetriebe, die gleichen steuerliche
Möglichkeiten haben wie die Körperschaften, wie die ganz Großen. Die Lösung
dieser Aufgabe haben wir uns - das sage ich ganz unumwunden - seit zehn Jahren
vorgenommen, wo immer wir gemeinsam oder nicht gemeinsam politisch tätig waren.
Aber wir haben diese Aufgabe nie gelöst. Deshalb sage ich ausdrücklich: Diese
Regierung will diese Aufgabe lösen. Genau dies kann eine Möglichkeit der großen
Koalition sein, sich auf die Sache zu konzentrieren, damit wir nicht im
parteipolitischen Hickhack aneinander geraten.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Für
die Übergangszeit, in der wir die Rechtsformneutralität noch nicht erreicht
haben, wollen wir die Abschreibungsmöglichkeiten befristet verbessern. Wir
wollen durch die Verbesserung der Istbesteuerung einen kleinen Beitrag zur
Entlastung des Mittelstandes leisten, der durch die 13. Beitragserhebung
im kommenden Jahr stärker belastet wird. Wir wollen des Weiteren - das halte
ich für ausgesprochen wichtig; das ist ein klares Signal - eine reduzierte
Erbschaftsteuer für Familienbetriebe; das ist ein ganz wichtiger Punkt. Das
sind drei Dinge, die wir für den Mittelstand tun.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Meiner
Meinung nach können wir am meisten beim Bürokratieabbau leisten.
Wir wissen, dass kleine und mittlere Unternehmen etwa vier bis sechs Prozent
ihres Umsatzes nur für die Deckung von Bürokratiekosten ausgeben. Wir werden
uns das genau anschauen und erst einmal lernen, Bürokratiekosten zu berechnen
und zu bemessen. Wir nehmen uns klare Reduktionsziele vor. Andere Länder, zum
Beispiel die Niederlande oder Großbritannien, haben uns das schon vorgemacht.
Wir machen einen Small-Companies-Act, wie das auf Neudeutsch heißt, also ein
Gesetz für kleine Unternehmen, das ganz konkret zu weniger Kontroll- und
Überprüfungspflichten, einfacheren Formularen und nicht dauernd zu neuen
Statistiken führt. Dann haben wir für den Mittelstand in Deutschland wirklich
etwas erreicht. Dies wird eine ganz besonders wichtige Aufgabe sein, deren
Lösung wir vom Kanzleramt aus steuern werden.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Wir
haben uns vorgenommen, die EU-Richtlinien im
Grundsatz nur noch eins zu eins umzusetzen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ich halte das für ausgesprochen wichtig. Ich
weiß, dass das Gegenstand vieler politischer Debatten und Entscheidungen war.
Jeder muss in diesem Land begreifen: Wenn wir uns zusätzlich zu dem, was wir in
Europa vereinbaren - das ist oft schon bürokratisch genug; das muss ich leider
sagen -, Lasten aufbürden, dann haben wir gegenüber unseren europäischen
Mitbewerbern keine fairen Chancen. Wir wollen aber bei aller Freundschaft zu
allen anderen Ländern, dass in Deutschland Arbeitsplätze entstehen. Das ist die
Aufgabe einer Bundesregierung. Dafür müssen wir sorgen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der FDP)
Das
heißt also, dass wir eine Politik mit einem Grundverständnis machen werden, das
darauf beruht, dass die Vorschriften, die wir machen, für die Menschen da sind
und nicht die Menschen zur Erfüllung der Vorschriften. So können wir den
Starken im Lande wieder helfen und dann auch den Schwachen in diesem Lande. Das
muss unser Grundverständnis sein. Daran müssen wir alles prüfen. Das hat gar
nichts mit Ideologie zu tun, sondern mit ganz praktischem menschlichem
Sachverstand.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Ich
bin davon überzeugt, dass uns das gelingen kann. Es gibt viele tüchtige
Vorbilder. Ich habe vor einigen Wochen etwas sehr selbstverständliches gesagt.
Ich habe gesagt: Ich will Deutschland dienen. - Ich kenne viele Menschen, die
dem Land, anderen Menschen und der Gemeinschaft dienen - selbstlos und ohne
dass davon groß Notiz genommen wird. Diese Menschen müssen unser Vorbild, das
Vorbild für diese Bundesregierung sein. Die Anerkennung des Nächsten in der
Gemeinde, im Wohngebiet, in der Schule oder im Betrieb - das alles hat etwas
damit zu tun, ob wir das schaffen, was wir oft eine lebendige
Bürgergesellschaft nennen. Das ehrenamtliche Engagement
ist ein unersetzbarer Bestandteil dieser Bürgergesellschaft. Wo immer es geht,
wollen wir dieses ehrenamtliche Engagement stärken. Genau das, was viele
Menschen in ungezählten Kultur-, Musik- und Gesangvereinen in ihrer Freizeit
tun, hält unsere Gesellschaft zusammen. Bei allen Rechtsansprüchen, die wir uns
durch Gesetze setzen, müssen wir immer bedenken, dass noch ausreichend
Spielraum genau für dieses ehrenamtliche Engagement bleibt. Ansonsten geht
unserer Gesellschaft ganz Wesentliches verloren. Ich zumindest bin davon
zutiefst überzeugt.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Unsere
Kultur ist die Grundlage unseres Zusammenhaltes. Deshalb ist Kulturförderung für diese Bundesregierung keine
Subvention. Dieser Begriff - ich sage das ausdrücklich - verbietet sich an
dieser Stelle.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Sie ist eine Investition, und zwar eine
Investition in ein lebenswertes Deutschland.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Natürlich regelt unsere Verfassung die
Förderung von Kunst und Kultur. Sie ist primär den Ländern zugeordnet. Das
wissen wir. Aber ich sage ebenso deutlich, dass der Bund auch in Zukunft eine
Reihe ganz wichtiger Kulturaufgaben wahrnehmen wird.
(Beifall bei
Abgeordneten der SPD)
Deutschland - und nicht nur die Summe der
16 Bundesländer - ist schließlich eine europäische Kulturnation.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Diese
Bundesregierung - das hat etwas mit unserem historischem Verständnis zu tun -
wird wie die Regierung zuvor auch einen Beitrag zum Erhalt des kulturellen
Erbes der Vertriebenen leisten. Wir wollen im Geiste der Versöhnung auch in
Berlin ein sichtbares Zeichen setzen, um an das Unrecht
der Vertreibung zu erinnern, und wir werden dies im europäischen Kontext
tun. Aus meiner Sicht bietet die gemeinsame Erklärung der Präsidenten Rau und
Kwásniewski eine gute Grundlage dafür, dass wir einen gemeinsamen und nicht
einen trennenden Weg finden werden. Ich sage hier sehr persönlich: Auf meinen
Reisen, die ich in die entsprechenden Länder mache, werde ich mich sehr dafür
einsetzen, dass uns dies gelingt. Das hat etwas mit unserem eigenen
historischen Selbstverständnis zu tun. Es hat aber auch etwas mit dem Vertrauen
anderer in uns zu tun. Deshalb muss beides zusammengebracht werden. Ich bin der
Überzeugung: Das geht und das können wir schaffen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Meine
Regierung ist Anwalt aller Deutschen wie aller in Deutschland lebenden
Mitbürgerinnen und Mitbürger. Wir werden deswegen mit allem Nachdruck, wo immer
es erforderlich ist, gegen jede Form von Extremismus,
Rassismus und Antisemitismus kämpfen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP, der LINKEN und des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Die Initiativen der Bürgergesellschaft, die
sich hier engagieren, haben unsere volle Unterstützung. Wir sind ein
tolerantes, wir sind ein weltoffenes Land. Deutschland ist zugleich ein Land,
das seine Traditionen und seine Kultur pflegt. Das eine kann es ohne das andere
nicht geben; denn Heimat gibt gerade in Zeiten des sehr schnellen Wandels, in
denen wir leben, den Halt, den die Menschen brauchen, jedem Einzelnen und
unserem Land als Ganzem. Deshalb haben wir nicht ohne Grund unserem
Koalitionsvertrag den Titel „Gemeinsam für Deutschland“ gegeben.
Parallelgesellschaften, in denen die grundlegenden Werte des Zusammenlebens in
unserem Land nicht geachtet werden, passen nicht in dieses Denken.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Deshalb ist Integration
eine Schlüsselaufgabe unserer Zeit. Mit der Ansiedelung der Beauftragten für
Migration, Flüchtlinge und Integration im Kanzleramt habe ich sehr bewusst ein
Signal gesetzt, dass dies eine gesamtpolitische Aufgabe ist, der wir große
Beachtung schenken wollen.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
Ich
bin der Überzeugung, dass Integration nur gelingen kann, wenn ausländische
Kinder konsequent dazu gebracht werden und auch die Möglichkeit haben, Deutsch
zu lernen. Wir werden deshalb gerade in den Schulen das Erlernen der deutschen
Sprache fördern. Besser gesagt, wir werden die Länder in ihrem Bemühen
unterstützen, dass Kinder nur dann in die Schule kommen dürfen, wenn sie der
deutschen Sprache mächtig sind. Ansonsten haben sie vom ersten Schultag an nicht
die Chancen, die wir ihnen geben müssen, um auch ihnen ein gutes Leben in
unserem Land zu ermöglichen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Wir
brauchen einen Dialog mit dem Islam. Wir müssen einander verstehen lernen; das
gehört dazu. Wir müssen im Übrigen darauf achten, dass wir unsere eigene
Religion, das Christentum, ausreichend verstehen, soweit wir Christen sind -
das gilt auch für andere, die anderen Religionen anhängen -; denn einen Dialog der Kulturen kann man nur führen, wenn man sich
seiner eigenen Kultur auch wirklich bewusst ist.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Wir werden das offen und ehrlich tun. Wir
werden vor allen Dingen Differenzen eindeutig benennen, wo immer sie auftreten.
Deshalb
sage ich an dieser Stelle ganz ausdrücklich - ich sage dies auch als Frau -: Zwangsverheiratungen oder Ehrenmorde - beides
schreckliche Begriffe - haben nichts, aber auch gar nichts mit Ehre zu tun und
sie haben auch gar nichts in unserer Gesellschaft zu suchen.
(Beifall im ganzen
Hause)
Wir können sie nicht dulden, wir wollen sie
nicht dulden. Wir werden das deutlich machen.
Sicher
kann jeder von uns selbst etwas für unsere Gemeinschaft tun. Vieles kann von
dem Einzelnen besser als vom Staat erreicht werden. Aber der Einzelne hat ein
Anrecht darauf, dass der Staat auch ihn in die Lage versetzt, seine eigenen
Kräfte zu entfalten. Viele Menschen werden heute - das müssen wir ganz klar
sehen - an ihrem Einsatz, am Einbringen ihrer Möglichkeiten gehindert, weil das
größte Problem, mit dem unser Land zu kämpfen hat - die Arbeitslosigkeit
-, nicht ausreichend gelöst ist. Wir haben die höchste Zahl an
Langzeitarbeitslosen, die die Bundesrepublik Deutschland je erlebt hat, und das
muss sich wieder ändern.
Im
Übrigen werden wir von den Menschen als Regierung und als die diese Regierung
tragenden Fraktionen zum Schluss an genau dieser Frage gemessen werden: Haben
wir hier etwas erreicht oder haben wir nichts erreicht? Diesem Anspruch wollen
wir uns auch stellen. Ich sage ganz ausdrücklich: Das muss unser Ziel sein.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Wir
wissen, dass die Politik keine Arbeitsplätze schaffen kann; aber sie kann
Rahmenbedingungen stellen. Wir haben sehr viel über diese Rahmenbedingungen
gesprochen. Wir wissen, dass damit zusammenhängt, dass Menschen in Würde leben
können. Deshalb haben wir uns einiges vorgenommen.
Erstens.
Seit über drei Jahrzehnten steigen die gesetzlichen Lohnzusatzkosten
bzw. verharren auf einem internationalen Höchstniveau. Wir wollen das ändern;
deshalb wollen wir die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung um
2 Prozentpunkte senken. Einen Prozentpunkt sollen Strukturmaßnahmen
innerhalb der Bundesagentur für Arbeit erbringen. Ein weiterer Prozentpunkt
soll durch den Einsatz eines Punktes Mehrwertsteuer finanziert werden. Es ist
im Übrigen erfreulich, dass die Länder an dieser Stelle auf ihren Anteil an der
Mehrwertsteuer verzichten werden.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
Wir wollen die Lohnzusatzkosten in dieser
Legislaturperiode dauerhaft unter 40 Prozent halten.
Zweitens.
Deutschland muss den Wandel zu einer modernen Dienstleistungsgesellschaft
schaffen. Wir werden deshalb die privaten Haushalte im Grundsatz als
Arbeitgeber anerkennen. Jeder, der den politischen Streit der vergangenen
Jahrzehnte verfolgt hat, weiß, dass hier eine lange ideologische
Auseinandersetzung zu Ende geht. Wir werden sowohl für die Abrechnung von
Handwerkerleistungen als auch für die Frage der Kinderbetreuung als auch für
andere haushaltsnahen Dienstleistungen den Haushalt als Arbeitgeber
installieren. Das wird ein Umdenken in Richtung einer
Dienstleistungsgesellschaft in Deutschland bedeuten. Ich finde das richtig, ich
finde das erfreulich. Lassen Sie uns das Ganze mit Freude angehen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Drittens.
Wir wissen, dass gerade gering Qualifizierte in unserem Land unglaubliche
Schwierigkeiten haben, eine Beschäftigung, und zwar zu regulären Löhnen, zu
finden. Es geht hierbei nicht um irgendeine Statistik der Bundesagentur für
Arbeit, sondern es geht um etwa 2 Millionen Menschen in unserem Land, für
die wir uns Gedanken über die Frage machen müssen: In welcher Art und Weise
können wir diese Menschen wieder in Lohn und Brot bringen? Deshalb werden wir
das Thema Kombilohn im Niedriglohnsektor
aufgreifen. Wir werden uns darum bemühen, genau an dieser Stelle eine Lösung zu
finden, bei der eine Lohnleistung durch eine staatliche Leistung ergänzt wird.
Wir
wissen, dass das Fragen berührt - wir haben das auch in unserem
Koalitionsvertrag niedergelegt - wie Entsendegesetz, Mindestlohn, Auswirkungen
der EU-Dienstleistungsrichtlinie. Das gehört zu den kompliziertesten Themen.
Aber ich habe in den Koalitionsverhandlungen gespürt, dass der Wille da ist,
diese 2 Millionen Menschen nicht einfach zu vergessen, sondern sich um
vernünftige Lösungen zu bemühen. Dafür lohnt es sich auch, in den nächsten
Monaten zu arbeiten.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Viertens.
Wir werden moderate Reformen im Bereich des Arbeitsrechts
durchführen. Wir müssen immer wieder schauen: Wo sind Hürden, die Menschen den
Weg in die Arbeitswelt versperren? Wir müssen lernen, dies möglichst
vorurteilsfrei zu betrachten. Deshalb bin ich sehr dankbar dafür, dass es uns
gelungen ist, beim Kündigungsschutz die Wartezeit von bis zu 24 Monaten
einzuführen, das heißt, Kündigungsschutz gilt dann erst nach 24 Monaten.
Ich glaube, dass das für kleine Betriebe bessere Möglichkeiten bietet, Menschen
einzustellen und ein Wagnis einzugehen, sodass nicht die Menschen an dieser
Stelle sozusagen draußen gelassen werden.
(Unruhe bei der LINKEN
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
- Ich höre schon das Gegrummel. - Wir können
natürlich so weitermachen. Wir können so tun, als ob bestehende Sicherheiten
wirklich Sicherheit bieten. Wir können aber auch einfach einmal fragen, ob wir
das, was andere Länder mit guten Erfahrungen machen, nicht auch tun sollten.
Wir können doch das, was wir hören, wenn wir bei unserer Abgeordnetentätigkeit
im Wahlkreis den Handwerksmeister fragen: „Warum lassen Sie Ihre Leute
Überstunden machen? Warum stellen Sie nicht einen zusätzlich ein?“, einfach
einmal bedenken und neue Wege gehen. Nach ein paar Jahren können wir schauen,
ob es sich bewährt hat oder nicht und ob wir daraus Erfolge machen können. Wir
sind das den Menschen in diesem Lande schuldig. Bei über 4 Millionen
Arbeitslosen muss man auch einmal neue Wege gehen. Ich zumindest bin davon
völlig überzeugt.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Fünftens.
Wir werden den Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs weiterführen. Ich möchte mich hier
ausdrücklich dafür bedanken, dass die Wirtschaft, insbesondere das Handwerk und
die Kammern, hierzu einen riesigen Beitrag geleistet haben. Wir gehen davon
aus, dass wir weiterhin in jedem Jahr 30 000 neue Ausbildungsplätze
brauchen. Wir müssen uns auch ganz intensiv der Tatsache annehmen, dass viele
junge Leute nicht ausbildungsfähig sind, wenn sie von der Schule kommen. Das
erfordert ein enges Zusammenwirken von Bund und Ländern an dieser Stelle;
(Beifall bei
Abgeordneten der SPD)
denn man kann sich nicht damit abfinden, dass
teure Schulausbildung nicht zur Ausbildungsfähigkeit der jungen Menschen führt.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
In
der Frage der betrieblichen Bündnisse - jeder weiß, dass wir darüber im
Wahlkampf sehr unterschiedlicher Meinung waren und es auch weiter sind; das
gehört zur Wahrheit dazu - müssen wir weiterhin schauen, wie wir im Rahmen der Tarifautonomie - ich betone ausdrücklich, dass niemand
in dieser Koalition die Tarifautonomie infrage stellt - ein höheres Maß an
Flexibilität erreichen. Ich will ausdrücklich sagen: Es geschieht einiges bei
den Gewerkschaften. Unser ganzes Tun sollte darauf gerichtet sein,
Gewerkschaften zu ermuntern, da, wo das heute noch nicht geschieht,
weiterzugehen und mehr Flexibilität zu schaffen. Die Erfahrungen von denen, die
das getan haben, sind positiv. Genau dieser Weg muss von uns weiter gegangen
werden oder es müssen zunächst Gespräche darüber geführt werden.
Die
beste Reform des Arbeitsmarkts hilft wenig - auch das wissen wir -, wenn wir
uns nicht auf eines besinnen, nämlich auf das, was uns als Land - ich habe das
am Anfang gesagt - immer wieder stark gemacht hat: Das sind Bildung und Innovation. Sie sind mehr denn je der
Rohstoff unseres Landes, der Rohstoff der Deutschen. Wir wissen: Wir müssen
besser sein als andere, und zwar immer so viel besser, wie wir teurer sind. Wir
wollen teurer sein, weil wir unseren Wohlstand erhalten wollen. Deshalb ist
unser Ziel nicht, im Wettbewerb um die niedrigsten Löhne mitzuhalten; das
können wir nicht. Vielmehr müssen wir besser sein als andere und Bildung nach
vorn bringen. Herkunft darf in diesem Land nicht die Zukunft der jungen
Menschen bestimmen. Das muss unser Anspruch sein.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und der LINKEN)
Meine
Damen und Herren, an guten Traditionen mangelt es nicht, weder bei unserer Schulbildung,
wie man an ihrem Ruf erkennt, noch bei der Berufsbildung. Das System der dualen
Berufsausbildung ist fast so bedeutend wie „Made in Germany“ bei der
Produktherstellung. „Trained in Germany“ könnte wieder ein Markenzeichen von
uns werden. Wir wissen aber auch, weil es uns die PISA-Studie
vor Augen geführt hat: Wir sind nicht so Spitze, wie wir es eigentlich gerne
wären. An der zweiten PISA-Studie zeigt sich allerdings, dass, wenn sich Länder
anstrengen - ich nenne als Beispiel das Land Sachsen-Anhalt -, innerhalb von
wenigen Jahren ein deutlicher Fortschritt erreicht werden kann. Wir wissen ja
an vielen Stellen, wo die Probleme liegen. Es ist wichtig, dass wir die
Bildungschancen verbessern. Deshalb hat der Bund einmalig - wir werden das
fortsetzen - ein Programm zum Ausbau von Ganztagsschulen aufgelegt, damit wir
auch in diesem Bereich besser vorankommen. Ich hoffe, dass das nach der
Föderalismusreform von den Ländern in entsprechender Weise fortgesetzt wird.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Ich
sage das mit großem Ernst: Ich glaube, noch nie hat ein Koalitionsvertrag in
Deutschland so sehr auf Innovation und Technologiefreundlichkeit in Zukunftsbranchen gesetzt.
Die finanzielle Ausstattung für die nächsten Jahre, das Ziel, die Ausgaben für
Forschung, Technologie und Entwicklung bis zum Jahr 2010 auf 3 Prozent
unseres Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen, wozu der Staat mit 1 Prozent
seinen Beitrag leisten wird, zeigt deutlich: Diese Verpflichtung sucht
ihresgleichen. Wir werden sie ganz strikt umsetzen. Dabei wollen wir vor allen
Dingen darauf achten, dass das Geld in Wissenschaft und Technik sinnvoll
eingesetzt wird. Der Staat darf nicht glauben, er wisse selber, was da am
besten zu tun sei, sondern wir müssen die Begutachtung durch die Wissenschaftsorganisationen
in den Vordergrund rücken. Wir müssen auf die Freiheit der
Entwicklungsmöglichkeiten in der Nano-, Bio- und Informationstechnologie
setzen. Wir müssen auch auf Leuchtturmprojekte setzen, mit denen wir in der
Welt beweisen können, auf welchen Gebieten wir vorne sind. Ich nenne als
Beispiele hoch effiziente Kraftwerke, die elektronische Gesundheitskarte, die
Weiterentwicklung der Brennstoffzelle und - darüber haben wir lange genug
gesprochen - den Aufbau einer Transrapidreferenzstrecke. Es wäre schön, wenn es
auch an dieser Stelle weiterginge.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Wir
haben in der Koalitionsvereinbarung auch einige heiße Eisen angepackt. Wir
werden noch einmal das Regelwerk für die Grüne Gentechnologie überarbeiten und wir werden bessere
Möglichkeiten für unsere chemische Industrie schaffen. Der Herr
Bundesumweltminister hatte gestern das Vergnügen, in Brüssel genau darüber zu
verhandeln. Wir werden die Initiative „Partner für Innovation“ fortführen. Ich
persönlich werde einen Rat für Innovation und Wachstum, über den ich schon vor
einigen Monaten gesprochen habe, einrichten, weil ich glaube, dass die Tatsache
- dessen muss sich die Politik im gesamten Hause bewusst sein -, dass sich das
Wissen auf der Welt innerhalb von vier Jahren verdoppelt, bei uns mental noch
nicht ausreichend wahrgenommen wird. Wir alle - das gilt auch für mich
persönlich - haben an vielen Stellen Mühe, die technischen Entwicklungen so zu
verstehen, dass wir in der Lage wären, zu erkennen, welche rechtlichen
Rahmenbedingungen wir schaffen müssen. Wir sollten so ehrlich sein, das
zuzugeben, und im Dialog mit den Wissenschaftlern und Entwicklern von diesen
lernen.
Meine
Damen und Herren, wir wissen: Als modernes Industrieland, als Dienstleistungsgesellschaft,
als Wissensgesellschaft werden wir nicht bestehen können, wenn wir nicht ein
modernes Infrastrukturland sind. Das hat auch
etwas mit unseren Verkehrsnetzen zu tun. Wir werden in den nächsten vier Jahren
4,3 Milliarden Euro mehr für Verkehrsinfrastrukturprojekte ausgeben.
Wir werden die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern. Wir werden nicht nur, wie
das in der Vergangenheit der Fall war, das
Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetz für die neuen Bundesländer
weiterführen, sondern für ganz Deutschland ein umfassendes
Planungsbeschleunigungsgesetz auf den Weg bringen. Das wird schwierige
Beratungen erfordern. Aber wenn man sieht, wie europäische Mittel zum Beispiel
in Spanien in Windeseile verbaut werden, während wir Menschen um Arbeitschancen
bringen, weil wir für bestimmte Infrastrukturprojekte Jahrzehnte brauchen, dann
kann ich nur sagen: Wir sind es den Menschen in diesem Lande schuldig, dass wir
uns an dieser Stelle anstrengen und schauen, wie wir hier schneller vorankommen
können.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)
Wir
wissen, dass die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit unseres Landes ohne eine
zukunftsweisende Energiepolitik nicht denkbar ist.
Wir haben unterschiedliche Auffassungen über die Nutzung der Kernenergie. Aber
wir haben uns - das finde ich wichtig - auf eine Gesamtstrategie in der
Energiepolitik sowie darauf geeinigt, dass wir uns über den Energiemix Gedanken
machen.
Das
heißt natürlich auch, dass wir ein deutliches Plädoyer für erneuerbare Energien
abgeben. Wir werden das Erneuerbare-Energien-Gesetz in der Grundstruktur
fortführen, aber wir werden - auch das gehört zur Ehrlichkeit gegenüber den
Bürgerinnen und Bürgern - die wirtschaftliche Effizienz der einzelnen
Vergütungen bis 2007 überprüfen. Wir werden schauen, was grundlastfähig ist und
wohin das Geld gehen muss. Ich glaube, wir werden das in guter Gemeinsamkeit
schaffen. Ziel ist ein energiepolitisches Gesamtkonzept mit einem ausgewogenen
Energiemix.
(Beifall bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Ich
werde Anfang des Jahres zu einem nationalen Energiegipfel einladen, um einmal
alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen. Die Probleme müssen auf den Tisch
gelegt werden. Denn wir wissen, es gibt auch unter den verschiedenen Anbietern
vielerlei Widersprüche.
Wir
werden ein sehr anspruchsvolles Programm zur energetischen
Gebäudesanierung auflegen. Dieses Programm wird nicht nur der
Bauwirtschaft neue Impulse geben - das ist der eine Aspekt -, sondern es wird
auch - davon bin ich zutiefst überzeugt - dem einzelnen Bürger deutlich machen,
welchen Beitrag er zur verbesserten Effizienz bei der Energieversorgung, also
auch bei der Reduktion von Kohlendioxidemissionen, leisten kann. Wir haben uns
bis jetzt viel zu viel auf die Industrie konzentriert. Es ist gut, dass wir
jetzt auch den privaten Bereich hinzunehmen.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Wir
werden die Regeln für den Emissionshandel
überarbeiten. Ich sage ausdrücklich, dass dieser ein gutes Instrument ist. Aber
wir werden in der zweiten Phase, also ab 2008, schauen müssen, dass die Anreize
für die Modernisierung unseres Kraftwerksparks erhalten bleiben. Wir werden
dafür sorgen müssen, dass die energieintensive Industrie nicht aus Deutschland
abwandert und dass wirtschaftliches Wachstum weiter möglich ist.
Ich
werde - das sage ich auch in Richtung des Umweltministers - auf meinen
Auslandsreisen sehr bewusst die Klimaschutzprojekte,
die nach dem Kiotoprotokoll gerade für die Entwicklungsländer von außerordentlicher
Bedeutung sind, als technologisches Know-how der Bundesrepublik Deutschland
propagieren. Technologieexport und Klimaschutz liegen heute ganz eng
beieinander. Ich glaube, hier können wir unsere Rolle als Exportweltmeister
deutlich machen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
An
einer Stelle ist der Knoten im Grunde schon durchgeschlagen worden, bevor die
große Koalition ihre Arbeit aufgenommen hat: das ist die Föderalismusreform,
also die Neuordnung unseres föderalen Staatsaufbaus, die allerdings noch
umgesetzt werden muss. Ich glaube, diese Reform ist zum einen gegenüber unseren
Bürgerinnen und Bürgern wichtig. Denn sie können dann wieder besser verstehen,
wo die Verantwortlichkeiten liegen, wer für was verantwortlich ist. Sie ist zum
anderen aber auch im internationalen Wettbewerb notwendig, um schnellere
Entscheidungsmechanismen durchzusetzen. An einem entsprechenden Mangel leiden
wir heute. Föderalismus darf keine Bremse, sondern Föderalismus muss ein
Mehrgewinn für den Standort Deutschland sein. Genau das wollen wir durchsetzen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Wir
werden in Absprache mit den Freien Demokraten einen weiteren Schritt gehen. Wir
werden im nächsten Jahr prüfen, wie auch die Finanzbeziehungen
zwischen Bund und Ländern grundsätzlich neu geordnet werden können. Denn
- auch das gehört zur Wahrheit - eine Föderalismusreform ohne die Neuordnung
der Finanzbeziehungen ist zwar ein erster wichtiger, aber noch kein endgültiger
Schritt.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD sowie bei der FDP)
Ich weiß, dass dies schwer ist. Aber lassen
Sie uns solche anspruchsvollen Aufgaben angehen.
Wir
wissen: Ohne einen Fortschritt beim Aufbau Ost wird
es kein gesundes Wachstum in ganz Deutschland geben. Wir brauchen dieses Wachstum
für das innere Gleichgewicht unseres Landes. Deshalb müssen wir die hohe
Arbeitslosigkeit und vor allen Dingen die Abwanderung aus den neuen
Bundesländern stoppen und hier das Notwendige tun. Das heißt, wir müssen den
neuen Ländern, wo immer es möglich ist - europarechtlich und auf anderen
Gebieten -, mehr Freiheiten geben, Freiheiten, um mit den Geldern, die im
Zusammenhang mit dem Solidarpakt II zur Verfügung gestellt werden,
möglichst viele sinnvolle Investitionen zu tätigen. Das ist die Voraussetzung
dafür, dass wir auch in den neuen Bundesländern vorankommen.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Mehr Freiheit möglich machen für neue
Gerechtigkeit: All diese Neuausrichtungen vom Arbeitsmarkt bis zum Aufbau Ost
gehören zusammen. Sie dienen einem langfristigen Ziel: Wir wollen Deutschland
stärken und wieder zum Motor in Europa machen. Die Gestaltung dieses Wandels,
den wir dringend brauchen, ist ohne Vertrauen und ohne das Bewusstsein, dass
sich die Menschen auf die Politik verlassen können, undenkbar. Deshalb ist
einer dieser Vertrauensbeweise gegenüber den Menschen eine solide
Finanzpolitik, eine gute, solide Situation bei unseren Staatsfinanzen.
Meine
Damen und Herren, wir brauchen dazu einen Wandel, einen Kurswechsel in der Haushaltspolitik. Ich sage ganz ausdrücklich: Die
Ursachen, die Anfänge dieser Fehlentwicklung liegen weit zurück. Die lassen
sich im Übrigen ganz gut bei der ersten großen Koalition verorten.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
- Da können Sie noch klatschen. - Deshalb wäre
es schön, wenn die zweite große Koalition diesen Kurswechsel schafft. Wir haben
die Weichen dafür sehr gut und entschlossen gestellt.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Wir
brauchen eine langfristige Konsolidierungsstrategie.
Dabei hat für uns das Reformieren und Investieren zeitlichen Vorrang. Wir haben
die Abfolge der Schritte unseres politischen Handelns sehr gut vereinbart. Am
Ende wird aus diesem politischen Konzept ein Dreiklang: sanieren, reformieren,
investieren.
Wir
werden durch einen Zukunftsfonds in Höhe von
25 Milliarden Euro Investitionen in Schwerpunktbereiche über die
Legislaturperiode möglich machen. Ich habe den Bereich Mittelstand genannt. Ich
nenne weiterhin die Verkehrsinfrastruktur, Forschung und Technologie, die
Förderung des Haushalts als Arbeitgeber und die Förderung von Familien. Dies
sind fünf Projektbereiche, bei denen die Menschen sehen: Wir können
Schwerpunkte setzen; wir sind entschlossen, etwas zu investieren.
Aber
ohne eine Sanierung der Haushalte kommen wir natürlich nicht zurande. Deshalb
umfasst unsere Haushaltskonsolidierung, dass wir einerseits - ich habe darüber
gesprochen - die Arbeitsmarktkosten reduzieren.
Wir werden die Zuschüsse an die sozialen Sicherungssysteme begrenzen. Dies wird
eine schwierige Aufgabe, die nur zu schaffen ist, wenn wir Strukturreformen
durchführen.
Andererseits
wird die öffentliche Verwaltung einen
substanziellen Solidarbeitrag dazu leisten. Ich nenne die Größe von
1 Milliarde Euro, die der Bund im öffentlichen Bereich einsparen wird. Wir
merken schon jetzt, dass wir über die Details sicherlich noch lange zu
diskutieren haben werden. Aber es bleibt die Verpflichtung, 1 Milliarde
Euro einzusparen. Auch wir als Politiker werden dazu unseren Beitrag leisten.
Wir
werden Steuerförderungstatbestände reduzieren; wir
haben damit gestern im Kabinett begonnen. Wir werden ab 2007 den
Spitzensteuersatz für nicht gewerbliche - ich betone: nicht gewerbliche - sehr
hohe Einkommen auf 45 Prozent erhöhen.
(Beifall bei
Abgeordneten der SPD)
Ich
will nicht verhehlen: Die für uns alle schwierigste Entscheidung war die Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes
um 3 Prozentpunkte ab 2007. Umso wichtiger ist es, dass zum einen
1 Prozentpunkt für die Senkung der Lohnzusatzkosten eingesetzt wird, um
Arbeitsplätze wettbewerbsfähiger zu machen, und dass zum anderen der niedrige
Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent für Lebensmittel, den öffentlichen
Personennahverkehr und Kulturgüter erhalten bleibt. Auch darüber haben wir uns
viele Gedanken gemacht und dann diesen Entschluss gefasst.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Meine
Damen und Herren, ich sage ausdrücklich: Ich und wir alle wissen, dass für
viele Menschen die Entscheidung, die Mehrwertsteuer zu erhöhen, und die
weiteren Konsolidierungspläne in Bezug auf unseren Haushalt tief greifende
Einschnitte bedeuten. Wir wissen, dass wir den Menschen an dieser Stelle viel
abverlangen. Wir wissen auch, dass die Bürgerinnen und Bürger deshalb eine
Gegenleistung erwarten können.
Diese
Gegenleistung liegt für mich auf der Hand: Wenn
wir solide Staatsfinanzen schaffen, dann beenden wir das Leben von der
Substanz. Zur Generationengerechtigkeit gehört auch, dass wir die Augen nicht davor
verschließen dürfen, dass wir mit allen Schulden, die wir neu machen,
zukünftigen Generationen Spielräume rauben. Wer ernsthaft von Nachhaltigkeit
spricht, muss sich diesem Problem widmen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir
in Europa einen Stabilitäts- und Wachstumspakt haben, den wir natürlich auch
erfüllen wollen. Das hat etwas mit dem moralischen Anspruch unserer Politik,
generationengerecht zu sein, und der Ernsthaftigkeit zu tun. Deshalb werden wir
das entschlossen umsetzen.
(Beifall bei der CDU/CSU
und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Deutschland ist
Exportweltmeister. Deutschland muss sich, wenn es Exportweltmeister bleiben will,
dem freien Welthandel öffnen, auch wenn das in vielen Bereichen schwer fällt.
Nach einer Regierungswoche kann ich sagen, dass wir bereits einen ersten Erfolg
errungen haben. Wir haben am Beispiel der Zuckermarktordnung
innerhalb der Europäischen Union gezeigt - -
(Renate Künast (BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN): Ha, ha, ha!)
- Ja, Frau Künast, das geht auch ohne Sie.
(Heiterkeit und Beifall
bei der CDU/CSU und der FDP)
Es ist sogar so, Frau Künast, dass Herr
Sonnleitner dies lobt und es trotzdem gut ist für die WTO-Verhandlung.
Das ist das Erstaunliche.
(Renate Künast (BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN): Abschreiben kann jeder und teurer für Deutschland ist es auch
geworden!)
Wir
sind gut vorbereitet auf die WTO-Verhandlung, die wir noch im Dezember zu
führen haben. Ich sage ausdrücklich: Ein Gegeneinander von moderner
Landwirtschaft und Verbraucherschutz gehört mit dieser Regierung der
Vergangenheit an. Das soll unser Markenzeichen sein.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)
Unser
Motto in Bezug auf den Verbraucherschutz lautet:
Null Toleranz gegenüber denjenigen, die das Vertrauen der Verbraucher mit Füßen
treten. Deshalb darf uns der Skandal, das Handeln mit verdorbenem Fleisch, so
lange nicht ruhen lassen, bis wir an dieser Stelle alle Schwachstellen
beseitigt haben. Ansonsten wird es für die deutsche Lebensmittelwirtschaft ganz
schwierig.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie des Abg. Dr. Guido Westerwelle (FDP))
Meine
Damen und Herren, Sie sehen an all dem, was ich aufgeführt habe, dass wir uns
viel vorgenommen haben. Wir sind auch ganz sicher, dass viel möglich ist. Wir
haben uns viel vorgenommen, weil wir wissen, dass wir wirtschaftlich wieder
stark werden können und dann auch das leben können, was die soziale
Marktwirtschaft in unserem Land groß gemacht hat. Dann können wir nämlich den
Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital weiter ausgleichen und denen helfen,
die sich heute noch auf der Schattenseite des Lebens befinden.
Wir
können dann aber auch noch etwas anderes schaffen: Wir können wieder ein
starker Partner in Europa und in der Welt werden. Deutsche Außen- und Europapolitik gründet sich auf Werte und sie
ist Interessenpolitik. Eine Politik in deutschem Interesse setzt auf Bündnisse
und Kooperationen mit unseren Partnern. Ich weiß, dass unsere Partner große
Erwartungen an uns richten. Das haben ich und auch der Außenminister in den
ersten Tagen unserer Tätigkeit bei unseren Besuchen in Paris, Brüssel, London
und vielen anderen Ländern der Europäischen Union ganz deutlich gespürt. Die
Erwartungen an Deutschland in diesem Bereich sind so immens, weil sich Europa
im Augenblick in einer tiefen Krise befindet. Im Kern gründet diese Krise - das
ist meine Überzeugung - auf fehlendem gegenseitigen Vertrauen. Es gab schwere
Rückschläge bezüglich des Verfassungsvertrages. Hinsichtlich der Finanzen der
Europäischen Union gibt es starke Interessenkonflikte zwischen den einzelnen
Mitgliedstaaten. Der Lissabon-Prozess, der Prozess, Europa zum dynamischsten
Kontinent der Welt zu machen, ist bei weitem nicht so vorangekommen, wie er
hätte vorankommen müssen. Im Fortgang der Erweiterung der Europäischen Union
stellen sich drängende Grundsatzfragen: Wie weit reicht Europa? Was ist Sinn
und Zweck der europäischen Einigung?
Ich
glaube, es hat keinen Sinn, um diese Krise herumzureden, auch heute nicht. Es
kommt vielmehr darauf an, sie zu meistern. Wir können sie aber nur gemeinsam
mit unseren Nachbarn, mit unseren Partnern meistern, und zwar den großen und
den kleinen. Ich glaube, dass Deutschlands Aufgabe auch aufgrund seiner
geografischen Lage darin bestehen sollte, Mittler und ausgleichender Faktor zu
sein. Genau dies werden der Außenminister und ich am Freitag praktizieren, wenn
wir nach Polen reisen, zu unserem zweiten großen Nachbarn.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD und der FDP)
Ich
weiß, dass auf dem Dezembergipfel der Europäischen Union große Aufgaben lasten,
dass große Erwartungen daran gestellt werden. Wir werden im Zusammenhang mit
der finanziellen Vorausschau natürlich für eine Lösung eintreten, die im
gesamteuropäischen Interesse liegt und nicht gleich dem Revisionszwang ausgesetzt
ist. Deutschland ist - das sage ich ausdrücklich - zu einem vernünftigen
Kompromiss bereit und wird dazu auch seinen Beitrag leisten. Klar ist aber
auch, dass wir als neue Bundesregierung die deutschen Interessen mit allem
Nachdruck vertreten werden. Das heißt: Eine finanzielle Überforderung kann es
angesichts unserer Haushaltslage, angesichts unserer eigenen Probleme nicht
geben. Auch das haben wir allen Partnern gesagt.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Europa
hat sich mit den Lissabon-Verabredungen weit
reichende Ziele gesetzt. Wir brauchen einen Erfolg und wir brauchen diesen
Erfolg, indem wir Reformen durchführen. Hier bündeln sich im Übrigen unsere
innenpolitischen Anstrengungen mit dem, was in Europa stattfindet. Ich will
ausdrücklich sagen - wir haben das in diesem Hause viel zu wenig beachtet -:
Die jetzige Kommission und auch gerade der deutsche Kommissar Günter Verheugen
haben in der Europäischen Union etwas gemacht, was es seit Jahrzehnten nicht
mehr gegeben hat - ich sage: eigentlich noch nie -: Sie haben sich Richtlinien
angeschaut und haben gefragt: Sind die noch notwendig? Brauchen wir bestimmte
neue Projekte oder sind sie für den Lissabon-Prozess, also für eine dynamische
Entwicklung, schädlich? Es handelt sich um über 60 Richtlinien, die damit erst
einmal vom Tisch sind oder die verändert werden. Ich bin dafür ausgesprochen
dankbar. Europa kann nicht bestehen, indem man sagt: Das eine gibt es und dann
kommt immer etwas hinzu, geschehe auf der Welt, was es wolle. - Der Schritt, den
ich oben beschrieben habe, muss von Deutschland unterstützt werden.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Wir
wollen den Verfassungsvertrag, auch wenn das heute
zum Teil illusorisch erscheint, zu einem Erfolg machen. Ohne ein eigenes
Selbstverständnis ist Europa nicht möglich. Das ist ein dickes Brett, das zu
bohren sein wird. Aber wir haben uns in unserer Koalitionsvereinbarung hierzu
ausdrücklich bekannt.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
Europa
ist - auch das wissen wir - ohne die Unterstützung und das Vertrauen der
Bürgerinnen und Bürger nicht möglich. Wir müssen darauf achten, dass die
Menschen nicht den Eindruck haben, sie würden überfordert. Deshalb müssen wir
ganz besonders Wert darauf legen, dass Staaten, die der Europäischen Union
beitreten werden, alle Bedingungen uneingeschränkt erfüllen müssen. Das muss
die Voraussetzung sein, wenn wir Erweiterungen der
Europäischen Union vornehmen wollen.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP sowie des Abg. Wolfgang Thierse (SPD))
So haben wir es auch in unserer
Koalitionsvereinbarung festgelegt: Die am 3. Oktober 2005 aufgenommenen
Verhandlungen der Europäischen Union mit der Türkei
mit dem Ziel des Beitritts sind ein Prozess mit offenem Ende, der keinen
Automatismus begründet und dessen Ausgang sich nicht im Vorhinein garantieren
lässt. Sollte die EU nicht aufnahmefähig oder die Türkei nicht in der Lage
sein, alle mit einer Mitgliedschaft verbundenen Verpflichtungen voll und ganz
einzuhalten, so muss die Türkei in einer Weise, die ihr privilegiertes
Verhältnis zur Europäischen Union weiterentwickelt - das wollen wir alle -,
möglichst eng an die europäischen Strukturen gebunden werden. Das ist eine
Aufgabe, die sich über die nächsten Jahre erstrecken wird. Wir stehen zu den
Vereinbarungen, so wie sie von der Vorgängerregierung getroffen wurden. „Pacta
sunt servanda“ muss das Prinzip europäischen Vertrauens sein. Aber dieser
Prozess wird mit besonderer Aufmerksamkeit zu beobachten sein.
Die
Menschen in Europa erwarten von uns natürlich, dass sie auf die bestehenden
Herausforderungen eine Antwort bekommen; das sind Terrorismus,
Massenvernichtungswaffen, Bürgerkriege und internationale Kriminalität. Deshalb
kann ich mit Blick auf unser politisches Programm sagen, dass die große
Koalition an dieser Stelle mehr Gemeinsamkeiten gefunden hat als jede andere
denkbare politische Konstellation.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Das ist nicht in jedem Bereich so. Aber für
den Bereich der inneren Sicherheit sage ich das
aus voller Überzeugung. Hier haben wir einige Dinge hinbekommen, die ich
ausgesprochen wichtig finde: Das Bundeskriminalamt wird zur Abwehr von
Terrorgefahren Präventivbefugnisse erhalten. Mit der Kronzeugenregelung
verbessern wir den Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Opferschutz geht
vor Täterschutz.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP - Widerspruch beim
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
- Es ist ja klar, dass da welche mit den
Köpfen schütteln. Trotzdem geht Opferschutz vor Täterschutz. Wir werden das
ganz konsequent umsetzen. Deshalb werden wir auch die nachträgliche
Sicherungsverwahrung gegen solche Jugendliche einführen, die wegen schwerster
Gewalttaten verurteilt worden sind. Man kann da nicht den Kopf in den Sand
stecken, sondern muss sich dem Problem widmen. Das erwarten die Menschen von
uns, und das zu Recht.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Die Grenzen zwischen innerer und äußerer
Sicherheit - das spüren wir alle - werden immer fließender. Deshalb brauchen
wir eine Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik innerhalb
der Europäischen Union, und das auf der Grundlage einer europäischen
Sicherheitsstrategie. Europa muss - danach werden uns die Bürgerinnen und
Bürger fragen - sicherheitspolitisch handlungsfähig sein. Das ist kein Ersatz -
ich sage das ausdrücklich -, sondern eine Ergänzung des bewährten Bündnisses
NATO. Es geht darum, den europäischen Pfeiler der Allianz und damit die Allianz
insgesamt zu stärken. Denn die NATO ist und bleibt der stärkste Anker unserer
gemeinsamen Sicherheit. Sie ist das strategische Konsultations- und
Koordinierungsforum und wo sie das nicht ist, müssen wir, auch wir in
Deutschland, einen Beitrag dazu leisten, dass sie es wieder wird. Ich habe das
bei meinem Besuch in Brüssel sehr deutlich gemacht.
Ich
sage auch ganz bewusst: Das ist kein Gegensatz dazu, dass wir ein selbstbewusstes Europa sein wollen. Ein selbstbewusstes
Europa muss aber ein starker und vor allen Dingen auch ein einiger Partner
sein, wenn es darum geht, die Interessen von Sicherheit, Frieden und
Menschenrechten durchzusetzen.
Meine
Damen und Herren, ich sage deshalb auch: Lassen Sie die Schlachten der
Vergangenheit ruhen. Die Schlachten sind geschlagen. Aber für die Zukunft gilt:
Die neue Bundesregierung wird sich mit aller Kraft für ein enges, ehrliches,
offenes und vertrauensvolles Verhältnis in der transatlantischen
Partnerschaft einsetzen. Diese Partnerschaft der Wertegemeinschaft der
westlichen Welt ist ein hohes - ich sage: ein kaum zu überschätzendes - Gut.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)
Ich
glaube, dass wir in diesem Zusammenhang auch darauf vertrauen können - der
Bundesaußenminister ist heute aus den Vereinigten Staaten von Amerika
zurückgekommen -, dass die amerikanische Regierung die Besorgnis in Europa
ernst nimmt und jüngste Berichte zu angeblichen CIA-Gefängnissen und illegalen
Flügen, wie auch gegenüber dem Außenminister zugesagt, kurzfristig aufklären
wird.
(Oskar Lafontaine (DIE
LINKE): Das glauben Sie doch selbst nicht!)
- Wissen Sie, es ist auch dramatisch, welche
Entwicklung Sie genommen haben.
(Beifall bei der
CDU/CSU)
Meine
Damen und Herren, wir fühlen uns im Blick auf die transatlantische
Partnerschaft den gleichen Werten verpflichtet - das ist viel in dieser Welt -:
Frieden und Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Gerechtigkeit und
Toleranz. Anders gesagt: Wir haben das gleiche Verständnis von der Würde des
Menschen. Das schweißt uns zusammen und bildet auch das Fundament.
Aber
zum Selbstverständnis dieser Wertegemeinschaft und zum Selbstverständnis, das
wir von uns und anderen Menschen haben, zählt auch, dass wir bei Menschenrechtsverletzungen nicht schweigen, gegenüber
niemandem auf der Welt, und seien es noch so hoffnungsvolle Handelspartner und
noch so wichtige Staaten für Stabilität und Sicherheit.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Ich
sehe - das sage ich ausdrücklich - zwischen Kooperation, die notwendig ist, und
dem Einhalten der Menschenrechte oder dem Benennen dessen, was wir unter
Menschenrechten verstehen, keine Kluft, die nicht zu überbrücken wäre. Es geht
hier um Ehrlichkeit im Dialog. Das macht Beziehungen nicht unmöglich. So ist
jedenfalls meine Erfahrung.
Meine
Damen und Herren, es ist richtig: Deutschland ist noch nie so sicher und so
frei gewesen wie heute. Dennoch - ich habe das am Anfang gesagt - leben wir in
einer Welt voller Herausforderungen: Terrorismus, Massenvernichtungswaffen,
zerfallende Staaten, extreme Armut, Epidemien und Umweltzerstörung. All das
bedroht unsere Sicherheit und unseren Wohlstand.
Wir
brauchen deshalb unsere Partnerschaften in der Welt dringender denn je. Ich
möchte hier beispielhaft die Partnerschaft zwischen Deutschland und Russland als eine strategische Partnerschaft nennen.
Russland ist ein wichtiger Wirtschaftspartner. Aber Russland ist genauso ein
Verbündeter im Kampf gegen den internationalen Terrorismus und natürlich als
Land für die politische Stabilität Europas unverzichtbar. Wir haben ein ganz
besonderes Interesse daran, dass der Modernisierungsprozess in Russland
gelingt. Wir werden das in unseren außenpolitischen Kontakten deutlich machen.
Meine
Damen und Herren, wir werden uns mit Kräften für Frieden und Stabilität im Nahen Osten einsetzen. Wir schauen natürlich mit
besonderer Sorge in diesen Tagen auf den Irak, aber genauso auf die Entwicklung
im Iran. Trotz der Rückschläge in letzter Zeit wird sich die Bundesregierung
weiter im Drei-plus-Eins-Prozess engagieren. Dieser Prozess muss fortgeführt
werden. Ich sehe zu ihm keine Alternative. Aber ich kann den Iran nur davor
warnen, sich der Kooperation mit der internationalen Staatengemeinschaft und
der IAEO zu entziehen. Was gegenüber Israel seitens des Iran gesagt wurde, ist
in jeder Hinsicht absolut inakzeptabel. Der Iran muss wissen, dass wir das
nicht hinnehmen.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
LINKEN)
Deutschland
steht zu Israel in einer ganz besonderen
Verantwortung. Wir haben in diesem Jahr den 40. Jahrestag der Aufnahme
deutsch-israelischer Beziehungen begangen. Für die neue Bundesregierung möchte
ich deshalb bei dieser Gelegenheit das Existenzrecht Israels und das Recht
seiner Bürgerinnen und Bürger, in sicheren Grenzen frei von Terror, Angst und
Gewalt zu leben, ausdrücklich bekräftigen.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten
der LINKEN)
Ebenso bekräftigen möchte ich allerdings das
Recht des palästinensischen Volkes auf einen eigenen Staat,
(Beifall bei
Abgeordneten der SPD)
der Seite an Seite mit Israel in Sicherheit
und anerkannten Grenzen lebt. Das wäre auch ein klares Signal gegen
Terrorismus.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten
der LINKEN)
Meine
Damen und Herren, deutsche Außenpolitik bewährt
sich im konkreten Handeln. Auf dem Balkan, in Afghanistan und an vielen anderen
Orten tragen deutsche Soldaten, Polizisten, Diplomaten und Entwicklungshelfer
unter erheblichen Gefahren zu Frieden und Stabilität bei. Was das im äußersten
Fall bedeuten kann, das haben wir gerade wieder in Afghanistan schmerzlich
erleben müssen. Deshalb möchte ich all denen, die Deutschland im Ausland
vertreten, einen ganz besonderen Dank sagen und eine ganz besondere Anerkennung
für ihren mutigen Einsatz aussprechen. Sie sind in verschiedenen Funktionen
wichtige Botschafter unseres Landes.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Meine
Damen und Herren, die Bundeswehr ist eine Armee im
Einsatz, mit über 6 000 Soldaten auf dem Balkan, in Afghanistan, am Horn
von Afrika oder jetzt in humanitärer Mission in Pakistan. Die Bundeswehr kann
sich glücklicherweise auf die breite Unterstützung dieser Regierung, des
Parlaments und der Gesellschaft verlassen. Die Soldatinnen und Soldaten haben
sie auch verdient; denn sie brauchen sie für ihren Einsatz.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Unser
Anspruch, in der Welt mitzusprechen und mitzuentscheiden, und unsere
Bereitschaft zum Mitwirken bedingen sich. Die neue Bundesregierung wird darauf
achten, dass die Ziele und Fähigkeiten der deutschen Außen- und
Sicherheitspolitik immer in einem Gleichgewicht bleiben. Deshalb werden wir den
Umbau der Bundeswehr zu einer Einsatzarmee konsequent fortsetzen. Der
Kernauftrag der Bundeswehr aus der Verfassung, die Landesverteidigung, bleibt
dabei natürlich unverändert gültig. Wir werden auch an den Beschlüssen zur
Struktur und Stationierung der Bundeswehr festhalten. Die Bundesregierung
bekennt sich zur allgemeinen Wehrpflicht.
(Claudia Roth (Augsburg)
(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Tja!)
Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten
als die für unser Land beste Wehrform erwiesen, gerade auch mit Blick auf die
Beziehung zu den Parlamentariern. Ich glaube, dass es an dieser Stelle ganz
wichtig ist, eine Bundeswehr zu haben, die sich sicher sein kann, dass sie eine
tiefe Verankerung in der deutschen Bevölkerung hat.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Wir
werden Ende nächsten Jahres ein Weißbuch zur
Sicherheitspolitik veröffentlichen, erstmals wieder nach mehr als zehn
Jahren. Ich denke, dann ist es höchste Zeit, wieder ausführlich über ein
solches Grundlagendokument zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur
Bundeswehr zu diskutieren.
Angesichts
der Globalisierung nimmt die Bedeutung der internationalen Institutionen zu.
Für uns - das ist unser gemeinsames Verständnis - muss die UNO der zentrale Ort der Konfliktlösung werden und dies
dann auch bleiben.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
Hier liegt eine wichtige Aufgabe vor uns. Wir
werden uns bemühen - ich halte es für ganz wichtig, dass wir das schaffen -,
bei der Reform der UNO gemeinsame europäische Positionen durchzusetzen. Wir
bleiben bereit, mit der Übernahme eines ständigen Sitzes im Sicherheitsrat mehr
Verantwortung zu übernehmen. Ich sage aber ausdrücklich: Die Reform der UNO
kann nicht auf die Frage des Sicherheitsrates reduziert werden,
(Dr. Wolfgang Gerhardt
(FDP): Sehr richtig!)
sondern sie geht weit darüber hinaus. Die
Frage, welche Rolle die UNO in den nächsten Jahrzehnten einnimmt, wird von
existenzieller strategischer Bedeutung für eine global zusammenwachsende Welt
sein.
(Beifall bei der
CDU/CSU, der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Denn,
meine Damen und Herren, die Stärkung der internationalen
Institutionen ist angesichts der Globalisierung lebensnotwendig. Eine
Politik, die den Anspruch erhebt, die Globalisierung zu gestalten - diesen
Anspruch müssen wir erheben, auch wenn viele Menschen den Eindruck haben,
Politik könne das nicht mehr -, darf nicht über internationale Institutionen
hinweggehen, sondern sie muss die internationalen Institutionen dazu befähigen,
die Globalisierung auch zu gestalten.
Wir
sagen: Die soziale Marktwirtschaft hat sich als
großer Erfolg für uns alle und als Vorbild für andere erwiesen; das ist ein
schöner Satz, aber die Fragen, ob wir das durchsetzen können und in welcher
Weise die internationalen Organisationen agieren - ich kann das an der
Welthandelsorganisation festmachen -, sind damit nicht beantwortet.
Die meisten Menschen haben nicht den Eindruck,
dass wir heute über die Möglichkeiten verfügen, weltweit das zu vertreten, was
uns an sozialem Ausgleich der freien Wirtschaft - in Form der sozialen
Marktwirtschaft - wichtig ist, sondern sie haben Angst, dass davon für sie
nichts mehr übrig bleibt. Deshalb ist die Gestaltungskraft von Politik nicht
mehr nur national notwendig, sondern auch bei der Ausprägung internationaler
Organisationen, und dem wird sich diese Bundesregierung ganz wesentlich
verpflichtet fühlen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Dieses
Wertverständnis von Politik leitet uns natürlich auch bei der Entwicklungszusammenarbeit. Wir wissen, dass uns die
Probleme zu Hause erreichen, wenn wir sie nicht woanders lösen. Dafür brauchen
wir natürlich Geld. Wir haben uns deshalb dazu verpflichtet, bis 2006
0,33 Prozent, bis 2010 mindestens 0,51 Prozent und bis 2015 die
ODA-Quote von 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die öffentliche
Entwicklungszusammenarbeit aufzubringen.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
Ich weiß, was ich da sage. Das sind ganz
anspruchsvolle Ziele. Aber wir müssen lernen: Die Probleme ereilen uns im
Inland, wenn wir es nicht schaffen, die Probleme anderswo einer Lösung
zuzuführen.
(Beifall bei der CDU/CSU
und der SPD)
Meine
Damen und Herren, aus all dem, was ich gesagt habe, wird deutlich: Wir haben
uns viel vorgenommen - weil wir sicher sind, dass vieles möglich ist und weil
wir auch wissen, dass viele Menschen vieles erwarten. Diese Koalition will
Rituale überwinden und neue Wege aufzeigen. Viele werden sagen: Diese
Koalition, die geht ja viele kleine Schritte und nicht den einen großen. Ich
erwidere ihnen: Ja, genau so machen wir das. Denn wir glauben, dass auch das
ein moderner Ansatz sein kann. Es hat sich herausgestellt, dass die Vernetzung
von vielen kleinen Computern, an vielen Stellen, effektiver ist als der eine
Großrechner - der Erfolg des Internets beruht auf genau dieser Philosophie.
Deshalb werden wir eine Regierung sein, die diese vielen kleinen
Schritte ganz bewusst in Angriff nimmt. Wir werden uns nicht drücken vor
dem Handeln, wir werden eine Regierung der Taten sein. Wir wissen, dass wir
auch Rückschläge werden hinnehmen müssen. Aber wir werden eines zeigen: Wir
haben große Möglichkeiten in diesem Land. Deutschland ist voller Chancen, nach
innen wie nach außen.
(Beifall bei der
CDU/CSU und der SPD)
Fragen
wir deshalb nicht zuerst, was nicht geht oder was schon immer so war; fragen
wir zuerst, was geht, und suchen wir nach dem, was noch nie so gemacht wurde.
Haben wir den Mut, das dann aber auch wirklich durchzusetzen! Überraschen wir
uns also damit, was möglich ist, überraschen wir uns damit, was wir können!
Stellen wir unter Beweis, dass wir unser Land gemeinsam nach vorn bringen, mit
Mut und Menschlichkeit! Denn Deutschland kann mehr und ich bin überzeugt,
Deutschland kann es schaffen.
Herzlichen
Dank.
(Lang anhaltender
Beifall bei der CDU/CSU - Anhaltender Beifall bei der SPD)
|