| Rhetorik - Text der Predigt "pro eligendo papa" |
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 Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. am Fenster
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Predigt "pro eligendo papa" von Kardinaldekan Joseph Ratzinger im Volltext

Joseph Ratzinger war Hauptzelebrant der Messe "pro eligendo papa", die am 18. April 2005 vor dem Einzug ins Konklave im Petersdom in Rom stattfand.
Lesen Sie hier den Text der Predigt in einer Übersetzung aus dem Italienischen von Ludwig Waldmüller:

"In dieser Stunde großer Verantwortung wollen wir mit besonderer Aufmerksamkeit
auf das hören, was der Herr uns mit seinen eigenen Worten sagt. Aus den drei
Lesungen möchte ich nur ein paar Abschnitte herausgreifen, die uns in einem
Moment wie diesem direkt angehen.
Die erste Lesung bietet ein
prophetisches Bild der Figur des Messias – ein Bild, das seine ganze Bedeutung
aus dem Moment erhält, in dem Jesus diesen Text in der Synagoge von Nazareth
liest, wo er sagt: „Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt“ (Lk 4, 21). Im
Zentrum des prophetischen Textes finden wir ein Wort, das – zumindest auf den
ersten Blick – widersprüchlich erscheint. Der Messias sagt da, während er von
sich spricht, er sei gesandt, um „ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen, einen Tag
der Vergeltung unseres Gottes“ (Jes 61,2). Wir hören mit Freude die Ankündigung
des Gnadenjahres: die göttliche Barmherzigkeit setzt dem Bösen eine Grenze – das
hat uns der Heilige Vater gesagt. Jesus Christus ist die göttliche
Barmherzigkeit in Person: Christus begegnen, heißt der Barmherzigkeit Gottes
begegnen. Der Auftrag Christi ist durch die priesterliche Salbung zu unserem
Auftrag geworden; wir sind dazu berufen, nicht nur mit Worten, sondern auch mit
dem ganzen Leben und den wirksamen Zeichen der Sakramente das „Gnadenjahr des
Herrn“ auszurufen. Aber was will Jesaja sagen, wenn er einen „Tag der Vergeltung
unseres Gottes“ ankündigt? Jesus hat in Nazareth, als er diesen Prophetentext
vorlas, diese Worte nicht verkündigt – er hörte damit auf, dass das Gnadenjahr
des Herrn ausgerufen wird. Vielleicht ist das der Grund für den Skandal gewesen,
der nach seiner Predigt ausbrach? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall hat der
Herr seinen authentischen Kommentar zu diesen Worten gegeben – mit seinem Tod am
Kreuz. „Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen…“
(1 Petr 2, 24), sagt der heilige Petrus. Und der heilige Paulus schreibt an die
Galater: „Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns
zum Fluch geworden ist; denn es steht in der Schrift: Verflucht ist jeder, der
am Pfahl hängt. Jesus Christus hat uns freigekauft, damit den Heiden durch ihn
der Segen Abrahams zuteil wird und wir so aufgrund des Glaubens den verheißenen
Geist empfangen“ (Gal 3, 13).
Die Barmherzigkeit Christi ist keine Gnade
zu einem billigen Preis, sie legt nicht die Banalisierung des Bösen zugrunde.
Christus trägt in seinem Leib und auf seiner Seele das ganze Gewicht des Bösen,
seine ganze zerstörende Kraft. Er verbrennt und formt das Böse im Leid um, im
Feuer seiner leidenden Liebe. Der Tag der Vergeltung und das Gnadenjahr fallen
im Ostergeheimnis zusammen, im gestorbenen und auferstandenen Christus. Das ist
die Vergeltung Gottes: Er selbst, in der Person des Sohnes, leidet für uns. Je
mehr wir von der Barmherzigkeit des Herrn getroffen werden, desto mehr treten
wir in die Solidarität mit seinem Leiden ein – wir werden bereit, in unserem
Fleisch das zu ergänzen „was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1, 24).
Gehen wir zur zweiten Lesung, zum Epheserbrief. Hier handelt es sich im
Prinzip um drei Dinge: Zuallererst um die Dienste und Charismen in der Kirche
als Gaben des auferstandenen und zum Himmel aufgefahrenen Herrn; dann um die
Reifung des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes als Bedingung und
Inhalt der Einheit im Leib Christi; und schließlich um die gemeinsame Teilnahme
am Wachsen des Leibes Christi, das heißt der Verwandlung der Welt in der
Gemeinschaft mit dem Herrn.
Bleiben wir nur bei zwei Punkten. Der erste
ist der Weg in Richtung der „Reifung Christi“; so heißt es etwas vereinfachend
im italienischen Text. Richtiger müssen wir gemäß dem griechischen Text vom „Maß
der Fülle Christi“ sprechen, die zu erreichen wir berufen sind, um wirklich
erwachsen im Glauben zu sein. Im Glauben sollten wir keine Kinder bleiben, in
einem Status der Unmündigkeit. Und worin besteht das „unmündige Kinder sein“ im
Glauben? Der heilige Paulus antwortet: „ein Spiel der Wellen, hin und her
getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen“ (Eph 4, 14). Eine sehr aktuelle
Beschreibung!
Wie vielen Widerstreit der Wellen haben wir in den letzten
Jahrzehnten kennen gelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele
Denkweisen… Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von
diesen Wellen umher geworfen worden – von einem Extrem ins andere: Vom Marxismus
zum Liberalismus, bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen
Individualismus; vom Atheismus hin zu einem vagen religiösen Mystizismus, vom
Agnostizismus zum Synkretismus und so weiter. Jeden Tag entstehen neue Sekten
und es realisiert sich das, was der heilige Paulus über den Betrug der Menschen
sagt, über die Verschlagenheit, die in die Irre führt (vgl. Eph 4, 14). Einen
klaren Glauben zu haben, gemäß dem Credo der Kirche, wird oft als
Fundamentalismus hingestellt. Während der Relativismus, also das „hin und her
getrieben Sein vom Widerstreit der Meinungen“ als die einzige Einstellung
erscheint, die auf der Höhe der heutigen Zeit ist. Es konstituiert sich eine
Diktatur des Relativismus, die nichts als definitiv anerkennt und die als
letztes Maß nur das Ich und seine Bedürfnisse lässt.
Wir aber haben ein
anderes Maß: Den Sohn Gottes, den wahren Menschen. Er ist das Maß des wahren
Humanismus. „Reif“ ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und des letzten
Schreis folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft
mit Christus verwurzelt ist. Es ist diese Freundschaft, die uns all dem
gegenüber öffnet, was gut ist und uns das Kriterium liefert, zwischen Wahr und
Falsch zu unterscheiden, zwischen Betrug und Wahrheit. Diesen erwachsenen
Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem müssen wir die Herde Christi führen.
Und es ist dieser Glaube – nur der Glaube –, der Einheit stiftet und sich in der
Liebe verwirklicht.
Der heilige Paulus bietet uns dazu – im Unterschied
zu den Wechselbädern jener, die wie unmündige Kinder ein Spiel der Wellen sind –
ein schönes Wort: Die Wahrheit in der Liebe tun als Grundformel einer
christlichen Existenz. In Christus fallen Wahrheit und Liebe zusammen. In dem
Maße, in dem wir uns Christus nähern, vertiefen sich auch in unserem Leben
Wahrheit und Liebe. Die Liebe ohne Wahrheit wäre blind; die Wahrheit ohne Liebe
wäre wie „dröhnendes Erz“ (1 Kor 13, 1).
Kommen wir nun zum Evangelium,
aus dessen Reichtum ich nur zwei kleine Beobachtungen herausnehmen möchte. Der
Herr richtet an uns diese wunderbaren Worte: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte…
vielmehr habe ich euch Freunde genannt“ (Joh 15, 15). Viele Male meinen wir –
was auch wahr ist –, nur unnütze Knechte zu sein (vgl. Lk 17, 10). Und trotzdem
nennt uns der Herr Freunde, macht er uns zu seinen Freunden, schenkt er uns
seine Freundschaft. Der Herr definiert Freundschaft in zweifacher Weise. Es gibt
keine Geheimnisse unter Freunden: Christus sagt uns alles, was er vom Vater
hört; er schenkt uns sein volles Vertrauen und mit seinem Vertrauen auch seine
Erkenntnis. Er offenbart uns sein Gesicht, sein Herz. Er zeigt uns seine
Zärtlichkeit uns gegenüber, seine leidenschaftliche Liebe, die bis zur Torheit
des Kreuzes geht. Er vertraut sich uns an, er gibt uns die Macht, mit seinem Ich
zu sprechen: „das ist mein Leib…“, „ich spreche dich los…“. Er vertraut uns
seinen Leib, die Kirche, an. Er vertraut unseren schwachen Geistern, unseren
schwachen Händen, seine Wahrheit an – das Geheimnis des Gottes Vater, Sohn und
Heiliger Geist; das Geheimnis des Gottes, der „die Welt so sehr geliebt hat,
dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3, 16). Er hat uns zu seinen Freunden
gemacht – und wie antworten wir?
Das zweite Element, mit dem Jesus die
Freundschaft definiert, ist die Gemeinschaft der Willen. „Idem velle – idem
nolle“ war auch für die Römer die Definition von Freundschaft. „Ihr seid meine
Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage“ (Joh 15, 14). Die Freundschaft mit
Christus fällt mit dem zusammen, was die dritte Bitte des Vater unsers
ausdrückt: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“. In der Stunde des
Getsemani hat Jesus unseren aufrührerischen menschlichen Willen in einen
gleichförmigen Willen verwandelt, der mit dem göttlichen Willen vereint ist. Er
hat das ganze Drama unserer Autonomie erlitten – und indem er unseren Willen in
die Hände Gottes legt, schenkt er uns die wahre Freiheit: Freunde Jesu zu sein,
Freunde Gottes zu werden. Je mehr wir Jesus lieben, je mehr wir ihn kennen,
desto mehr wächst unsere wahre Freiheit, wächst unsere Freude darüber, erlöst zu
sein. Danke, Jesus, für deine Freundschaft!
Das andere Element des
Evangeliums, das ich kurz ansprechen wollte, ist die Rede Jesu übers
Fruchtbringen: „ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht
und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Joh 15, 16). Hier erscheint die
Dynamik der Existenz des Christen, des Apostels: Ich habe euch erwählt, damit
ihr euch aufmacht… Wir müssen von einer heiligen Unruhe angerührt sein: der
Unruhe, allen das Geschenk des Glaubens, der Freundschaft mit Christus, zu
bringen. In Wahrheit ist uns die Liebe, die Freundschaft Gottes gegeben worden,
damit sie auch die anderen erreiche. Wir haben den Glauben erhalten, um ihn
anderen zu schenken – wir sind Priester, um anderen zu dienen. Und wir müssen
eine Frucht bringen, die bleibt. Alle Menschen wollen Spuren hinterlassen, die
bleibt. Aber was bleibt? Das Geld nicht. Auch die Gebäude bleiben nicht; die
Bücher auch nicht. Nach einer gewissen Zeit, die mehr oder weniger lang ist,
verschwinden all diese Dinge. Die einzige Sache, die in Ewigkeit bleibt, ist die
menschliche Seele, der Mensch, der von Gott für die Ewigkeit geschaffen ist. Die
Frucht, die bleibt, ist daher das, was wir in den menschlichen Seelen gesät
haben – die Liebe, die Erkenntnis; die Handlung, die fähig ist, das Herz zu
treffen; das Wort, das die Seele zur Freude am Herrn öffnet. Also machen wir uns
auf und bitten wir den Herrn, dass er uns helfe, Frucht zu bringen, eine Frucht,
die bleibt. Nur so wird die Erde umgewandelt aus einem Tal der Tränen in den
Garten Gottes.
Kommen wir schließlich noch einmal zum Epheserbrief
zurück. Der Brief sagt mit den Worten von Psalm 69: „er gab den Menschen
Geschenke“ (Eph 4, 8). Der Sieger verteilt Geschenke. Und diese Geschenke sind
Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Unser Dienst ist ein
Geschenk Christi an die Menschen, um seinen Leib aufzubauen – eine neue Welt.
Leben wir unser Leben so, als Geschenk Christi für die Menschen! Aber in dieser
Stunde bitten wir den Herrn vor allem eindringlich, dass er uns nach dem großen
Geschenk Papst Johannes Pauls II. wieder einen Hirten nach seinem Herzen
schenke, einen Hirten, der zur Erkenntnis Christi führt, zu seiner Liebe, zur
wahren Freude. Amen."
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