Jul 14 2009
Das Hörbuch Apostoloff - Sibylle Lewitscharoff
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| Sibylle Lewitscharoff - Apostoloff |
| © Der Hörverlag |
Zwei Seelen wohnen in ihrer Brust. Aber nein, sie wohnen nicht ach in ihr. Denn Larmoyanz ist nicht ihr Geschäft. Aber die Ambivalenz, die ist in jeder ihrer Zeilen zu spüren. Ambivalenz? Wieder knapp daneben! Denn Entschiedenheit ist das andere Merkmal. Eine Entschiedenheit für klare Worte.
Klare Worte verschleiern nicht, beschönigen nicht, sie treffen wohl ins Schwarze. Wortklarheit und Gedankenschärfe - davor hat die Autorin keine Scheu. Auch nicht als Vorleserin. Sie ist zugleich die schwarzäugig-finster dreinblickende, Resolutheit verströmende Thrakerin mit dichtem schwarzgebliebenem bulgarischen Haarschopf und die distanziert-pietistische schwäbische Protestantin, deren “e” immer zu einem breiten “ä” gezogen wird.
Aber noch einmal zurück zum Ausgangspunkt: Sibylle Lewitscharoff ist die jüngere von zwei Töchtern einer deutschen Mutter und eines bulgarischen Vaters. Dieser war nach Kriegsende in das ehedem verbündete Deutschland emigriert und hatte sich eine erfolgreiche Existenz als Arzt aufgebaut.
Sibylle Lewitscharoff - Apostoloff - Hörbuch
Geboren und aufgewachsen ist die Autorin im nachkriegsdeutschen Stuttgart im Schoße einer weitläufigen exilbulgarischen “Sippschaft” väterlicher Schicksalsgenossen, die sich, mit deutschen Blondinen verehelicht, neue Lebensräume erschlossen. Der Vater, scheinbar robust, aber schwermütig und suizidentschlossen, holte den entronnenen bulgarischen Tod nach, noch ehe seine Töchter die Schwelle der Pubertät überschritten hatten.
Diese Biographie teilt sie mit der Protagonistin, die als namenlose Ich-Erzählerin vom Rücksitz eines Wagens aus, roadmoviehaft, die groteske Reise zweier Schwestern durch Bulgarien kommentiert. Schon aus dieser ersten Ansicht kann man diesem Roman autobiographische Züge nicht absprechen.
Grotesk ist die Reise, weil es einen neureichen, sentimentalen Protzen, Tabakoff, aus der exilbulgarischen väterlichen Kumpanei drängte, seinen existentiellen Auftrag zu vollziehen. Lebenswerk und Geschäftsidee wollen sich glückhaft verbinden. Kyrotechnik ist das von ihm finanzierte neuentwickelte Verfahren, auf Kästchengröße reduzierte sterbliche Überreste geruchsfrei transportabel zu machen. Die in fremder Erde bestatteten Exilbulgaren sollen zu ewiger Ruhe in heimatlicher Scholle gebettet werden. Die Leichen sind Versuchs- und Werbeobjekte in einem. Ein Ansinnen, das sich Tabakoff zugunsten der Angehörigen etwas kosten ließ. Zu diesem Zweck wurde eine feierlich verhängte Flotte von Stretchlimousinen mit den Angehörigen der längst Verstorbenen in Marsch gesetzt, an Bord auch die exhumierten und reduzierten Überreste der unbewältigten Vaterfigur mit dem schwerlastigen Vornamen Christo. Über die Schweiz und Italien, eingeschifft nach Griechenland, erreichte der Convoi schließlich sein Ziel, Sofia, Bulgarien.
Dies ist die erste Hälfte des Plots, erzählt im Rückblick. Die zweite ist ein touristischer Trip durch Bulgarien an Bord eines weitaus bescheideneren Gefährts unter der Führer- und Fahrerschaft des bulgarischen, aber deutschsprachigen Chauffeurs Apostoloff. Die Fahrt der ungleichen Schwestern - die eine sanft und gleichmütig, die andere, unsere Leitfigur, giftig, boshaft, ungeduldig, misantropisch und intolerant - geht von Sofia zur Schwarzmeerküste, und es gibt unterwegs rein gar nichts, was Gnade fände vor den kritischen Sinnesorganen der nicht eingeborenen, nicht gebürtigen, aber hälftigen Landestochter. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Es überkommt einen Graus, Ekel und Abscheu. In Hitze, Regen, Staub, Gestank und Dreck, trotz vor sich hin bröckelnder Fassaden, Schutt- und Schrottruinen kommunistischer Bausünden, setzt man sich unter den unzarten Fittichen der unsentimentalen Erzählerin den Unbilden der Gegenwart des jungen EU-Mitglieds Bulgarien aus.
Die Reisen sind der Rahmen. Darunter und darinnen rumort die Vergangenheit. Das ist die schwäbische Streb- und Betriebsamkeit. Da hatten Kinder nichts zu lachen. Und die Erwachsenen spielten perfekt ihre Rollen hinter dauergewellten und nagelgelackten Fassaden. Auf diesen kunstvoll aber kurzweilig übereinander geschichteten Ebenen erstehen die Erinnerungen an Kindheit und Jugend. Aber da ist keine Kindheitsseligkeit, keine Jugendromantik. Alles ist spitz und scharf, klamm und beklemmend.
Man darf in das verhalten-grimmige Lachen einstimmen angesichts der Rückblicke in die bundesrepublikanische Wirtschaftswunderherrlichkeit und lächeln, wenn unversehens Engel vorüberwehen.
Die von der Autorin sehr dezidiert gesprochene, sehr authentisch erfahrbare Lesung ist eine gekürzte Hörfassung. Diese Kürzung ist jedoch mit so großem Geschick vorgenommen, dass der Hörer, der vielleicht bereits ein Leser war, sich nicht betrogen fühlt.
Ich persönlich hatte immer dabei die leibhaftige Sibylle Lewitscharoff vor Augen, wie sie auf dem winzigen Podium im vollbesetzten Saal des Hamburger Literaturhauses, gleichsam im Stakkato eines gespitzten Bleistifts untermischt mit dem lasziven Laut der sich sichtbar Zurücklehnenden, ihre scheinbar harmlos-schwäbischen Tiraden sprach.
