Sep 03 2009

Ich habe mich nie für groß gehalten - Lesung aus den Tagebüchern von Thomas Mann - ein Hörbuch

Autor Gunhild Simon at 16:09 Kategorie Literatur

Thomas Mann - Ich habe mich nie für groß gehalten
Thomas Mann
Ich habe mich nie für groß gehalten
© Der Hörverlag

“Ich habe mich nie für groß gehalten, aber ich liebe es, mit der Größe zu spielen und mit ihr auf vertraulichem Fuße zu stehen.” Erst in seiner Vollständigkeit offenbart sich die Ambivalenz des Zitats, aber auch die kritische Distanz des Menschen Thomas Mann zum Künstler Thomas Mann.

Das Tagebuch ist der Partner des Einsamen. Und so schrieb er neben all dem, das nach außen gekehrt, an den Leser und Hörer adressiert war, unermüdlich und ausdrücklich abgewendet für sich - also, unbedacht auf Wirkung, keine Vortragsprosa und ohne literarischen Anspruch: “Daily notes without any literary value” - nicht vor Ablauf von 20 Jahren nach seinem Tod der Nachwelt auszuliefern.

Thomas Manns Tagebuchüberlieferungen zwischen 1919 und 1955 umfassen zehn Bände mit 4500 Textseiten, sieht man ab von all jenen Aufzeichnungen, die er selbst vernichtet hat.

Thomas Mann - Die Tagebücher von 1918 bis 1955

Aus diesem riesigen Konvolut galt es, für eine Lesung eine Auswahl zu treffen und einen ordnenden Zusammenhang herzustellen.

Die Aufgabe, diese Textfülle für das Ohr des Hörers zu zähmen, hat Reinhard Baumgart übernommen, ein profunder Thomas-Mann-Kenner. Vor dem politischen Hintergrund dreier Epochen, 1918 - 1921, der Zeit nach dem 1. Weltkrieg im München der niedergeschlagenen Räterepublik, 1933 - 1935, der Zeit der Emigration und des Verlusts des Vaterlandes, und 1953 -1955, der Nachkriegszeit und der Zeit des nahenden Todes, werden Aufzeichnungen aus fünf persönlichkeitsprägenden, ausschließlich privaten Lebensbereichen vorgestellt.

Anders als das literarische Werk bringen uns die Tagebuchaufzeichnugen den Menschen Thomas Mann nahe, der, wie er augenzwinkernd bekennt, “seinen Mann stehen” musste.

Herausgefiltert hat Reinhard Baumgart jenseits von literarischen und politischen Positionen charakteristische Bereiche, die sich folgendermaßen überschreiben lassen:

  • Allein: Der Mensch Thomas Mann als einsame, grüblerische Existenz, seine Gefühle, die ganze Skala von Wehmut, Rührung, Ergriffenheit angesichts der Veränderungen in seinem Leben. Seine Hemmungen und Widerstände im Privaten, im Freien, im Umgang mit seinem Körper - ausgedrückt in der verwunderten Feststellung, der Kulturmensch erlebe bereits das Natürliche als Wollust. Seine Eitelkeiten und Empfindlichkeiten, seine Qual und fehlende Souveränität bei kleinsten Kalamitäten. Schließlich das Aufatmen und die Belebung durch die Erkenntnis, aus dem beengenden Deutschen befreit und im weltoffenen Euopäischen eingebunden zu sein.
  • In Gesellschaft und auf Reisen: Der erhebende Umgang mit den Großen, mit dem Luxus, dem Ruhm und der Ehre, und die kleinen Demütigungen, die er, der Sprachgewaltige und Weitgereiste, erfuhr, wenn er Ignoranz, fremder Sprache und Kultur ausgesetzt war.
  • Familienszenen: Teil seines Lebens, zu dem er nach eigenen Aussagen nicht geboren war, dem er sich in seiner Unbeholfenheit, so gut er konnte, aber stellte. Obwohl Vater von sechs Kindern gesteht er seine Vorlieben für seine Lieblinge ein: Elisabeth, die ja eigentlich sein fünftes Kind war, nennt er gar “sein eigentlich erstes”, er spricht von der Berechtigung eines Vaters, in seinen Sohn verliebt zu sein - gemeint ist Klaus - und er setzt seinem Enkel Frido, dem Sohn Michaels, in dem engelsgleichen Nepomuk, “Echo”, in Doktor Faustus ein Denkmal.
  • Jünglinge: Der Blick hinüber ins eigene Geschlecht, ein Motiv, zu dem er sich literarisch und schreibend bekannte, und das sich als eine voyeuristische Glücksspur durch sein intimes Leben zog. Ohne seine Knabenliebe, die gleichwohl immer nur gedacht und aus der Ferne Platz in seinem Herzen hatte, wären Werke wie Tod in Venedig und Tonio Kröger nicht denkbar.
  • Hunde: Das Nachspiel um die Tiere, die als stumme, oder besser: anderssprachige, Gesprächspartner, anmutig oder mitleiderregend, aus seinem Leben nicht wegzudenken waren, die ihn noch in der Zeit seines Abschieds von der Welt beschäftigten. Verewigt hat er diese Liebe in Herr und Hund.

Die Stimmen der drei Vorleser Reinhard Baumgart, Vicco von Bülow und Peter Wapnewski stehen, obwohl altersmäßig etwa gleichgestimmt, für die jeweiligen ausgewählten Lebensepochen, während sich die thematischen Unterteilungen mit jedem Abschnitt von Neuem chronologisch aufbauen. Das klingt kompliziert, ist aber letztlich ein geniales Verfahren, um dem Zuhörer den wandelunterworfenen Einblick in die Themen zu gewähren.

Hörprobe
Thomas Mann: “Ich habe mich nie für groß gehalten …”
Die Tagebücher von 1918 bis 1955
Format: Gekürzte Lesung - Sprecher: Reinhard Baumgart, Vicco von Bülow, Prof. Dr. Peter Wapnewski - 2 CDs / 105 Min. - 19,95 Euro - Produktion: Der Hörverlag

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