Aug 27 2009

Ruhm von Daniel Kehlmann als Hörbuch

Autor Gunhild Simon at 11:59 Kategorie Literatur

Daniel Kehlmann - Ruhm
Daniel Kehlmann - Ruhm
© Deutsche Grammophon Literatur

Nach dem internationalen Erfolg seines Romans “Die Vermessung der Welt” hat Daniel Kehlmann mit seinem im Januar dieses Jahres erschienenen neuen Buch “Ruhm” für einige Verwirrung gesorgt. Wer gehofft hatte, in ähnlicher Weise wie bei der fiktiven Doppelbiographie Alexander von Humboldts und Carl Friedrich Gauß’ an die Hand genommen und geführt zu werden, findet sich nun in einem literarischen Spiegelkabinett wieder.

Die Orientierung in diesem Labyrinth moderner Poetik - immerhin ist Kehlmann Universitätsdozent für dieses Fach - wird auf vielfältige, nämlich doppelbödige Weise erschwert. Das Werk, ein Roman in neun Geschichten, ist eine Aneinanderreihung von Episoden, die an amerikanische Short Stories erinnern. Es geht um Reise, Entfernung, Veränderung.

Zunächst scheinen die Geschichten in keinem Zusammenhang zueinander zu stehen, bis man auf Querverbindungen aufmerksam wird. Die Personen tauchen unversehens in anderen Bezügen wieder auf, die Identitäten verschieben sich, Alltägliches wandelt sich zum Absurden, Überschaubares zum Vielschichtigen, Prominenz stürzt in die Bedeutungslosigkeit, der Aufsteiger ist schon zur Stelle.

Daniel Kehlmann - Ruhm - Hörbuch

Diese Fiktionen werden durch die moderne Kommunikationstechnik erzeugt, eine Scheinexistenz im Internet, der Gegensatz zwischen der unüberbrückbaren Ferne der Person und ihrer scheinbar zum Greifen nahen Stimme. So entstehen Verschränkungen und unvorhergesehene Bezüge. Eine weitere Ebene wird durch den Autor selbst eingezogen: Er ist der Schöpfer einer Schriftstellerfigur, die ihrerseits gleichzeitig das Handeln weiterer fiktiver Figuren bestimmt.

Dabei verschmelzen die Grenzen von Fiktion und Realität. Sie fließen einerseits ins Unwirkliche, wie die Geschichte der todkranken Sterbetouristin, die den Autor ihrer Existenz um einen anderen Ausgang anfleht. Andererseits geraten sie ins Beängstigende, wie das Schicksal der Krimiautorin, die in Vertretung eines anderen in einer fatalen Verkettung fehlerhafter Umstände in der zentralasiatischen Steppe verlorengeht.

Bestimmte Motive tauchen immer wieder auf. Zunächst prägt sich der Name Miguel Auristos Blancos ein, Erfolgsautor von Lebensbewältigungsliteratur, eine Gestalt, die in einer der Geschichten selbst als Akteur, ausgerechnet die Einzelheiten seines Freitods erwägend, auftritt. Daneben gibt es die literarischen Bindeglieder, wiederkehrende zeitgemäße Objekte, Internet und Mobiltelefon, die die sich überschneidenden Handlungen ermöglichen, formelhaft starre Sätze wie “… machte den Mund auf und wieder zu” und klischeelastige Figuren - dicke oder unattraktive Frauen, nervös und unsouverän, immer bei Hitze mit Strickjacke und anderen eigentümlichen Details ihrer Erscheinung. Daneben dünne Männer mit fettsträhnigen, schütteren Haaren, Hornbrille und rotem Käppi, dazu mit öligen Floskeln. Die anderen Personen, die die Hauptakteure umgeben, bleiben merkwürdig blass.

Schließlich noch eine Anmerkung zum Titel “Ruhm”. Man fragt sich immer wieder, wie wohl dieser Titel als Klammer die Geschichten zusammenhalten mag. Kehlmann selbst nennt den Titel Ironie. Er ist vielleicht zu verstehen als ironischer Hinweis auf die Hinfälligkeit des Ruhms. Denn es geht um Figuren, die einesteils Ruhm erlangt haben, der ihnen jedoch in der Unvorhersehbarkeit der Umstände wieder abhanden kommt, um anderen zuzufließen.

Die Vertonung als Hörbuch erleichtert es, das Buch zu Ende zu bringen, was beim Lesen vielleicht fragwürdiger ist. Zu sehr ändern sich Stil und Sujet der einzelnen Episoden. Man muss sich immer wieder auf ein komplett neues Umfeld einstellen und trotz der gelegentlich legeren Sprache aufs Genaueste aufpassen. Ulrich Matthes und Nina Hoss lesen die einzelnen Episoden im Wechsel, das sorgt für Belebung. Der Anteil, der von Ulrich Matthes zu Gehör gebracht wird, ist deutlich größer. Während Nina Hoss im Lesen sehr zurückgenommen bleibt, hat sich Matthes dem persönlichen Stil der Rede der Figuren interpretierend angenähert. Das wirkt auf mich bisweilen distanzlos und hörspielhaft.

Liebhaber von Kriminalromanen werden mit dieser Art von verzwickter Romancollage mehr anfangen können. Ich gehöre zu denen, die sich eher an Sprache in ihrer feinen Differenzierung ergötzen als am Erforschen der Verbindungslinien ineinander verwobener Handlungen.

Informationen zum Hörbuch
Daniel Kehlmann: “Ruhm”
Format: ungekürzte Lesung - Sprecher: Ulrich Matthes und Nina Hoss - 4 CDs - 25,99 Euro - Produktion: Deutsche Grammophon Literatur

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