Aug 12 2009
Thomas Mann: Der Tod in Venedig - ein Hörspiel
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| Thomas Mann - Der Tod in Venedig |
| © Der Hörverlag |
Es ist Reiselust, die den Dichter treibt. Es wird eine Reise in die Untiefen seiner verborgenen Sehnsüchte, denen er allen Selbstschutz opfert - eine Reise ohne Wiederkehr.
Gustav Aschenbach ist schon zu Lebzeiten zu Ruhm und Ansehen gekommen - dank seiner Disziplin und Leidenschaft für sein Tun. Ein verliehener Adelstitel gibt ihm Glanz. Materiell gesegnet lebt er im feinen München.
Ein ungewöhnlich schwüler Maientag lässt ihn den Entschluss fassen, die Stadt zu verlassen und die adriatische Küste aufzusuchen. In Triest schifft er sich ein nach Venedig und erblickt die magische Silhouette der venezianischen Paläste aus der achtunggebietenden Perspektive der Seefahrer. Ein elegantes Bäderhotel am Lido mit internationalem Publikum wird sein standesgemäßes Domizil, wo ein adeliger, makellos schöner Knabe seine Aufmerksamkeit fesselt.
Ihn zu beobachten, ihm zu begegnen nimmt ihn zunehmend in Anspruch. Registrierte er zunächst seine Gebanntheit mit dem distanzierten Blick des Künstlers, so ergibt er sich der Neigung, um sich einer unwiderstehlichen Passion auszuliefern, die ihn sich selbst verlieren lässt. Blindlings verfallen, blind gegenüber unübersehbaren Zeichen, die das Aufflackern der Cholera in der Langunenstadt ankündigen, ereilt ihn unversehens der Tod. Ein unrühmlicher Abgang vor einer morbiden, gespenstisch entvölkerten Kulisse.
Wie Tonio Kröger ist Gustav Aschenbach erfolgreicher Schriftsteller in München. Wie er tritt er eine Reise an. Den einen führt die Reise in den frühherbstlichen, zunehmend klaren Norden, den anderen in den frühsommerlichen, zunehmend brütenden Süden.
Beide Figuren werden mit verdrängten und vergessenen Schwächen ihrer Vergangenheit konfrontiert. Während der junge Dichter Tonio Kröger daraus Schlüsse zieht, die seinen Werdegang zwar mit Wehmut, aber auch mit Selbsterkenntnis begleiten werden, gibt sich der alternde Dichter Gustav Aschenbach dem Sog seiner ungelebten Neigung hin. Er verpasst die Umkehr.
Schicht um Schicht opfert er mit Todesverachtung seine geordnete Gestalt einer unabwendbaren Selbstaufgabe. Todesboten, die seinen Weg kreuzen, lassen ihn kaum zusammenfahren, Spiegelungen seines Niedergangs lassen ihn nicht zurückzucken. Er verrät Manieren, Geschmack und Haltung und lässt sich auf jede Posse ein, die eine Fortdauer seiner heimlichen Leidenschaft verspricht. Jeder Schritt ist Sterben, das Ende ist der Tod.
Der Tod in Venedig ist eine Montage. Es ist ein Wechselspiel von Stimmen, deren eine die Stimme des Erzählers ist, die andere, ältere, als die Reflexion des Dichters figuriert. Im Hintergrund hört man bisweilen flüsternde, raunende, murmelnde und grelle Stimmen - flüchtig eingeblendete einschmeichelnde oder abstoßende Bilder. Dazu sparsame Klänge von Cello und Banjo. Hin und wieder ertönt vulgär-schriller Gesang. Das Klingen der Münzen signalisiert Zahlen, Einstreichen, Anbiedern und Loswerden. Glocken signalisieren Aufbruch und Wende. Ganz entgegengesetzt dazu und verfremdend knistern unverhohlen umgewendete Manuskriptseiten. Die Realität der Lesung bleibt erhalten. Der Hörer wird daran gehindert, sich im venezianischen Sumpf zu verlieren.
Schon aus der Hörspielproduktion “Doktor Faustus” ist das sprecherische Zusammenspiel von Ulrich Noethen und Rüdiger Vogeler bekannt. Ihre zurückgenommenen, unpathetischen, aber umso professionelleren Stimmen geben dem Text Thomas Manns eine sehr angenehme Kontur.

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