Aug 31 2009
Thomas Mann liest aus seinen Romanen
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| Thomas Mann Joseph und seine Brüder |
| © Der Hörverlag |
1955 - es muss einer seiner letzten öffentlichen Auftritte gewesen sein: Wir hören die würdevolle Stimme eines greisen Mannes, ein wenig spröde, ein wenig brüchig, ja, bewegt, dabei aber präsent und mit dem Pathos, das uns heutzutage so ungewohnt klingt, uns aber umso mehr zu Herzen geht.
In Lübeck, seiner Geburtsstadt, liest Thomas Mann ein Kapitel aus den Josephsromanen. Die Tetralogie Joseph und seine Brüder war das Werk, das ihn über den Krieg getragen hat, dessen zutiefst Menschliches ihn faszinierte, als ein Werk fern aller bürgerlichen Inhalte, fern aller gewohnten Modernität hat es ihn 17 Jahre lang - von 1926 bis 1943 - in Anspruch genommen.
Das klingt unglaublich. Aber sein Anspruch an die Formulierungskunst war hoch, wie man seinem Alter Ego Aschenbach, dem alternden Dichter in der Novelle Tod in Venedig, schon entnehmen konnte: Er mochte sich nie mit einem “fröhlichen Ungefähr” zufriedengeben, sondern “brachte seine würdigsten Stunden der Kunst zum Opfer dar”.
Thomas Mann - Joseph und seine Brüder und andere Romane
Das Kapitel, “Das bunte Kleid”, das er vorträgt, stammt aus dem zweiten Band, Der junge Joseph. Es geht darum, wie Joseph die Khetonet, das zauberhafte Hochzeitskleid, an sich bringt. Alle bisherige Schicksalhaftigkeit vereinigt sich in diesem Festgewand, das seine Trägerinnen schmückte und verbarg zugleich. Und nun gelingt es Joseph in seinem unwiderstehlichen Charme, es in seine Hände zu spielen und dem berückten, liebesblinden Vater abzuschwatzen. Es schwört ein neues Verhängnis herauf - den offenen Konflikt auf Leben und Tod und ein Leben fern von dem Gelobten Land.
Aber das Kapitel, das wir hören, weiß davon noch nichts. Es perlt, sprüht und funkelt wie die Khetonet selbst. Denn der junge Joseph ist nicht nur charmant, hübsch und schön wie seine Mutter, sondern er ist auch eitel, zielstrebig und gewitzt. Und ahnte man nicht, welchen fast tödlichen Dienst ihm der Vater in seiner Nachgiebigkeit und Schwäche erwies, man könnte beseligt lächeln über soviel knabenhaften Liebreiz.
Der zweite Teil der CD besteht überwiegend aus Auszügen aus dem Spätwerk Der Erwählte. Das ist die sagenhafte Geschichte des Papstes Gregor, der, seinerseits aus einer inzestuösen Beziehung hervorgegangen, ausgesetzt und nach einer Kindheit in der Verbannung klösterlicher Abgeschiedenheit einer Wiederholung seiner eigenen Geschichte nach dem klassischen Muster der antiken Ödipus-Sage anheimfällt. Zur Buße vegetiert er 17 Jahre lang als Eremit ausgesetzt und vergessen auf einem unwirtlichen Felseneiland, bis er einer Weissagung folgend befreit wird. Er legt auf dem Weg nach Rom seine groteske igelig-murmeltierhafte Eingeschrumpftheit ab und nimmt eine geradezu übermenschlich erstrahlende Gestalt an, um nun das Papsttum in eine neue Blütezeit zu führen.
Diese Sage ist Stoff vielgestaltiger Literatur. Thomas Mann bezieht sich auf die mittelhochdeutsche Überlieferung von Hartmann von der Aue und überzeichnet die Figur des angeketteten Einsiedlers, der sich von einer Art Erdlymphe ernährt und äußerlich mit dem algenbemoosten Felsen verwachsen scheint, zu einer Groteske. Er hatte das Inzestthema in der Novelle Wälsungenblut bereits einmal literarisch verarbeitet, die Veröffentlichung aus familiären Erwägungen jedoch erst 1921 vollzogen.
In den Tondokumenten liest er die Vorgänge um Gregorius’ zweimalige Rettung, das 9. Kapitel und aus dem 23. und 24. Kapitel. Diese letztgenannten Aufnahmen sind eine Rarität. Sie sind von seiner Tochter Erika mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet worden, als der Schriftsteller sein Werk im Familienkreis vorstellte.
Den letzten beiden Auszügen aus dem Zauberberg und Doktor Faustus lässt sich nicht viel Zusammenhängendes entnehmen und zu einem Faden verknüpfen. Es handelt sich leider nur um wenige Minuten.
